Montag, 5. September 2011

Die Burgenländer, oder: Ethanolbasiertes nation building

Am 25. Jänner 1921 beschloss der österreichische Nationalrat das „Bundesverfassungsgesetz über die Stellung des Burgenlandes als selbständiges und gleichberechtigtes Land im Bund und über seine vorläufige Einrichtung“. Damit war Österreich um ein Bundesland, 285.000 Einwohner, einen Sumpfsee, einige Hektar Weinanbaugebiet, einen neuen geographischen Tiefpunkt (114m ü.d.A. bei Apetlon) ein paar Krowoten und etliche Störche reicher. Die Ungarn hatten ein paar Quadratkilometer Steppe, den Großteil ihres zweiten Sumpfsees und ein paar tausend Alkoholiker verloren. Da sie aber von alldem noch immer reichlich haben, war die Abtrennung des Burgenlandes zumindest kulturell kein allzu schmerzlicher Verlust. Wie so viele österreichische Gesetze zuvor und danach, sollte aber auch das Burgenlandgesetz nur zum Teil umgesetzt werden, denn das Schicksal des ehemaligen Westungarn war noch keineswegs besiegelt und die Tinte auf den neu gezeichneten Landkarten noch nicht trocken. Schon der erste Paragraph sollte nie wirklich Wirksamkeit erlangen:
„Landeshauptstadt des Burgenlandes ist die Stadt Ödenburg.“
Die Ungarn stemmten sich vehement gegen die in Art. 27 des Vertrages von  Trianon festgelegte Grenze zu Österreich. Es war dies einer der wenigen Vertragspunkte, der zur Zeit der Unterzeichnung noch nicht umgesetzt war. Während sich also die anderen ungarischen Anrainerstaaten bereits ihren Teil vom magyarischen Kuchen gesichert hatten, war das Gebiet des späteren Burgenlandes noch immer unter ungarischer Kontrolle. Da es aber mehrheitlich von deutschsprachiger Bevölkerung bewohnt war, sollte es Österreich angeschlossen werden. Als die Bundesgendarmerie nun einrückte, leisteten ungarische Freischärler bewaffneten Widerstand, woraufhin sich die österreichische Exekutive zurückzog. Man erreichte einen Kompromiss, demzufolge die Mehrheit des auch als Deutsch-Westungarn bezeichneten Territoriums an Österreich fallen, im Raum Ödenburg jedoch eine Volksabstimmung stattfinden sollte. Die Überwachung des Plebiszits übernahmen die Italiener, womit sein Ausgang mehr oder weniger bereits besiegelt war. Die Ungarn fälschten die Abstimmung nach allen Regeln der Kunst: Tote standen dabei ebenso auf den Wählerlisten wie Nichtansässige, die zur wundersamen Stimmenvermehrung führten. Im Ergebnis blieb Ödenburg als Sopron, nebst einigen benachbarten Dörfern, bei Ungarn und erhielt für das offizielle Endergebnis von über 65% den Titel einer „Civitas Fidelissima“.

Auch wenn sich die genaue Festlegung der Grenze noch bis 1924 zog, war das Burgenland somit im Grundsatz konstituiert. Für ein vollständiges Bundesland fehlten jedoch noch einige Dinge. Zumindest hatte sich der Name Burgenland bereits gegen Hoanzenland und Vierburgenland durchgesetzt. Hoanzen ist ein teilweise abfällig gemeinter Begriff für die Burgenländer und ihren Dialekt, der Name Burgenland stammt hingegen von den drei ehemaligen ungarischen Komitaten, aus deren Westteilen das Land gebildet wurde: Eisenburg, Wieselburg und Ödenburg, während das ursprünglich ebenfalls beanspruchte Pressburg an die Tschechoslowakei fiel. Was noch fehlte war jedoch vor allem eine Landeshauptstadt. Mit dem Verbleib von Ödenburg bei Ungarn, war das Gebiet seines natürlichen Zentrums beraubt, man machte sich also auf die Suche nach einer neuen Kapitale. Weil das nordwestburgenländische Tausend-Seelen-Kaff Sauerbrunn - heute Bad Sauerbrunn -, in dem die Landesregierung seit 1921 tagte, nicht unbedingt als repräsentativ angesehen wurde, wählte man schließlich 1925 Eisenstadt als neuen Sitz der Landesinstitutionen. Das südburgenländische Mattersdorf, das sich durch die Namensänderung in Mattersburg mehr Attraktivität im Kampf um den Titel „Hauptstadt des Burgenlandes“ sichern wollte, ging damit leer aus.
Man braucht aber nicht zu glauben, dass es sich bei Eisenstadt (Ung.: Kismarton, Kro.: Željezno) um eine Metropole handelt. Mit nicht einmal 13.000 Einwohnern steht es in der Liste der bevölkerungsreichsten österreichischen Gemeinden auf Platz 47. Wer am Bahnhof von Bahnsteig zwei auf eins wechseln möchte, nimmt nicht die Unterführung oder einen Übergang, sondern quert die bekiesten Gleise. Es musste halt ein Verwaltungszentrum her, Eisenstadt war die Verlegenheitslösung. Unter den österreichischen Landeshauptstädten bleibt jene des Burgenlandes aber ein Makel an Provinzialität und Rückständigkeit, darin höchstens übertroffen durch die städtebauliche Unsäglichkeit namens St. Pölten.

Trotzdem wurde in der Folge weiter fleißig nation building betrieben. Eine Landesflagge wurde entworfen - rot-gold - und ein Wappen - roter Adler in goldenem Schild auf schwarzem Fels - kreiert. Als Vorlagen dienten die Insignien historischer Adelsgeschlechter, die Produkte waren aber letztlich heraldische und vexiollogische Neuschöpfungen. Am Ende gab's sogar noch eine recht opulente Landeshymne oben drauf. Als am 15. Jänner 1926 die bisherige provisorische Landesordnung durch die Verfassung des Burgenlandes ersetzt wurde, war das neue Bundesland fertig modelliert. In der Länge 166 km und an seiner schmalsten Stelle geraden einmal 4,5 km breit trat es mit 3.961,8 km² als flächenmäßig drittkleinstes Land nun endgültig in den Bundesstaat ein. Auch wenn es in der Landeshymne
„An Kraft und Treue allen gleich, Du jüngstes Kind von Österreich.“
heißt, so ist das nur die halbe Wahrheit. Zwar ist das Burgenland das neueste Gebiet, das seit der Aufnahme Salzburgs 1805 dem österreichischen Gesamtstaat inkorporiert wurde, das jüngste Bundesland ist es aber nicht. Mit dem sogenannten Trennungsgesetz wurden Wien und Niederösterreich am 1. Jänner 1922 politisch geschieden und die Bundeshauptstadt damit ein eigenständiges Land. Das Burgenlandgesetz war da schon fast ein Jahr alt.

Nach der politischen ging die wirtschaftliche Integration des neu erworbenen österreichischen Gazastreifens nur schleppend voran. Österreich hatte den Krieg verloren und damit 90% seines Territoriums, das Burgenland war zwar als kleine territoriale Entschädigung, aber auch als volkswirtschaftliche Belastung dazugekommen. Daher machte es zunächst nichts als Scherereien. Die jahrhundertealte wirtschaftliche Anbindung an Ungarn war mit dem Anschluss an Österreich abgebrochen und stürzte das ohnehin unterentwickelte Gebiet in weitere ökonomische Schwierigkeiten. Die infrastrukturelle Anbindung an den restlichen Bundesstaat war schlecht. Das Schul- und das Rechtswesen sowie die Verwaltung waren nach ungarischen Maßstäben aufgebaut. Viele Schulen waren konfessionell, höhere Bildungsanstalten fehlten gänzlich. Sämtliche Bundesgesetze mussten für das Burgenland erst in Geltung gesetzt werden. Das Adelsaufhebungsgesetz etwa erstreckt seinen Geltungsbereich formalrechtlich erst seit 2008 auch  auf das östlichste Bundesland.

Zumindest in Sachen politische Aufheizung stand das neue Bundesland dem restlichen Österreich um nichts nach: Es waren die tödlichen Schüsse, die die Heimwehr in Schattendorf auf einen Kriegsinvaliden und ein Kind abfeuerte, sowie der darauffolgende Prozess mit Freispruch, die 1927 zu gewalttätigen Ausschreitungen im fernen Wien führten, den Justizpalast in Flammen aufgehen ließen und 89 weiteren Menschen das Leben kosteten. Das Burgenland war politisch in der ersten Republik angekommen, wirtschaftlich noch lange nicht. 

Schon 1938 kam der nächste Anschluss, diesmal an das Deutsche Reich. Der nationale Tingeltangeltanz fand Eingang in die Vitae des gebeutelten Landesvolkes. Ein Ruster Winzer erklärte mir einmal, sein Großvater sei in Ungarn geboren worden, in Österreich aufgewachsen und für Deutschland in den Krieg gezogen. Die Wirrnisse der Geschichte sind der Grund, warum das Wort „dazwischen“ das Burgenland im Speziellen noch besser beschreibt als Österreich im Allgemeinen. Die Nazis jedenfalls liquidierten zunächst das Burgenland selbst und dann einen Gutteil seiner Bevölkerung. Im ehemaligen Randgebiet des Königreiches Ungarn, hatten sich etliche Gruppierungen angesiedelt, denen die freie Religionsausübung und Vereinsbildung im Kaisertum Österreich untersagt waren: Juden, Protestanten, Freimaurer. Zwei davon standen auf der Abschussliste der Nazis ganz oben und wurden zum Ziel ihrer Repressions- und Vernichtungspolitik.
Das Burgenland selbst wurde aufgeteilt. Der Norden ging an den Gau Niederdonau, das vormalige Niederösterreich, der Süden an die Steiermark. Die Rechtsnachfolge wurde der Gauleitung in Krems angetragen. Damit war das Burgenland zusammen mit Vorarlberg als politische Entität abgeschafft worden. Aber wer wollte schon unter den Nazis eine politische Entität sein?

Als die Rote Armee im Frühjahr 1945 bei Klostermarienberg erstmals burgenländischen und österreichischen Boden betrat, stellte der unter Zwangsarbeit errichtete „Südostwall“ - Josef Ratzinger hat mitgebaut - für sie kein wesentliches Hindernis dar. Nach der Befreiung war die Wiedererrichtung des Landes noch keineswegs besiegelt. Karl Renner war ein Befürworter der Beibehaltung der bisherigen Gaueinteilung, was die Aufteilung des Burgenlandes betraf. Von vielen wurde es immer noch als ein künstliches Konstrukt aufgefasst. Letztlich ging die Sache sehr Österreichisch aus. Die inneren und äußeren Grenzen wurden mit Stand 12. März 1938 wiederhergestellt, die inneren Uhren auf null ausgerichtet. Man drückte den historischen Reset-Knopf und die Massaker von Rechnitz und Deutsch Schützen, denen noch kurz vor Kriegsende hunderte Juden zum Opfer gefallen waren, waren vergessen.
Die Verösterreicherung des Burgenlandes schritt in der Folge unaufhaltsam fort. Das Land stritt sich mit der Familie Esterházy, der ein Sechstel der burgenländischen Gesamtfläche gehörten, bis diese ein Viertel abtrat. Der Konflikt schwelt jedoch bis heute. Auch in Sachen Skandalen und Skandälchen stand das östlichste Bundesland in den folgenden Jahrzehnten dem Rest der Republik um nichts nach. Landeshauptmann Kery - übrigens angeblich entfernt verwandt mit dem US-Senator fast gleichen Namens - musste sich am SPÖ-Parteitag drei unangenehme Fragen vom damaligen Jungrevoluzzer Josef Cap stellen lassen:
„Stimmt es, dass du mehr verdienst als der Bundeskanzler? Stimmt es, dass du als Aufsichtsratsvorsitzender verbilligten Strom der BEWAG beziehst? Ist es wahr, dass du in deiner Freizeit mit Maschinenpistolen schießt?“
Die Indiskretion der Ottilie Matysek im Zuge der Waldheimaffäre beförderte den burgenländischen SPÖ-Parteivorstand samt Bundeskanzler Sinowatz vor den Richter. Der Kanzler hatte angekündigt, man werde Waldheims braune Vergangenheit im Präsidentschaftswahlkampf einsetzen, spätere Beteuerungen, dem sei nicht so gewesen, führten schließlich zur Verurteilung des Landesparteivorstandes - natürlich mit Ausnahme der lecken Stelle Matysek.

Ansonsten blieb das Burgenland ein ruhiger und dank des Eisernen Vorhanges auch ein höchst unterentwickelter Fleck. Es schien, als sei es nur da, um einen Puffer zwischen Ungarn und den zivilisierten Bundesländern zu bilden. Die Burgenlandkroaten, einst im 16. Jahrhundert als Wehrbauern im durch die Türkenkriege entvölkerten Westungarn angesiedelt, hatten zusammen mit ihren deutsch- und ungarischsprachigen Landsleuten ihre Frontstellung zurückgewonnen. Der wirtschaftlichen und geographischen Randlage folgte eine demographische Ausdünnung. Auch wenn die Einwohnerzahl in den letzten Jahrzehnten wieder anstieg, heute leben immer noch über 8.000 Menschen weniger im Burgenland als 1923. Große Auswanderungswellen führten nicht nur nach Wien, sondern vor allem auch nach Chicago. Zwar hat sich mittlerweile - auch dank großzügiger EU-Subventionen - die wirtschaftliche Lage gebessert, dennoch hatte das Burgenland 2008 3,4% Anteil an der österreichischen Gesamtbevölkerung, aber nur 2,2% am BIP. Das Burgenland hat aufgeholt, aber noch nicht eingeholt. Es hat das ach so saubere Vorarlberg als letzte Bundesland ohne Universität hinter sich gelassen und verfügt mit Güssing über eine Energie-Musterstadt. Jedes Kaff hat mittlerweile seine eigenen Festspiele, man denke nur etwa an die Gelsenreitschule in Mörbisch, und natürlich ist es das Bundesland mit den meisten Sonnenstunden. Trotzdem bleibt es weiter strukturschwach und kann die vier Millionen Euro, die es im Gedenken an seinen Beitritt zu Österreich vor 90 Jahren vom Nationalrat erhält, gut gebrauchen.

Man kann über die Burgenländer sonst nicht viel Schlechteres sagen, als über die restlichen Österreicher auch. Sie saufen viel und gern. Aber wer tut das nicht? Im Burgenland werden die Dinge traditionell nicht so eng gesehen, wie sie sind. Dieses Überbleibsel ungarischer Lethargie wird durch den Genuss des selbst angebauten und daher reichlich vorhandenen Traubensafts noch zusätzlich verschärft. Auf meine Frage, ob der Alkoholmissbrauch im Weinbaugewerbe nicht eine gewisse Gefahr darstelle, gab oben erwähnter Winzer zu Protokoll:
„Alkoholismus ist ein Frage der Einstellung.“
Nun, es wäre eine ungeheure Infamie zu behaupten die Burgenländer wären versoffen und faul, oder dass ihnen der aus unveredelten Trauben hergestellte Uhudler noch den letzten Verstand aus den Schädeln gebrannt hat. Solcherlei Anfeindungen sind nichts als billige Stereotype, auch wenn mir in einer südburgenländischen Kleinstadt einmal der Schulwart - in Personalunion auch Dorfalkoholiker - beim Kauf eines Dopplers im örtlichen Spar erklärte:
„Wounst dou wounst muasst saufn sounst wiast deppat.“
Nein, das sind sicherlich nur bedauerliche Einzelfälle und stehen in keinem Verhältnis zur freundlichen Gemütlichkeit, die den Burgenländern sonst aneignet. Der Durchschnittsburgenländer ist nämlich kein versoffener Alkoholiker, sondern eine beleibt-betagte Großmutter, die im Tapetenmusterblumenkittel mit Lockenwicklern und Stützstrümpfen auf der Bank vor ihrem Straßendorf-Bungalow sitzt und drauf wartet, dass die Nachbarin zum tratschen vorbeikommt.
Letztlich muss ich Ihnen ein Geständnis machen: Ich mag das Burgenland. Trotz der schlechten Straßen und den NKD- und KIK-Filialen in den Innenstädten, trotz der Myriaden von Gelsen, die abends die Straßenlaternen schwarz und morgens den Körper rot färben, auch trotz oder gerade wegen des übermäßigen Weinkonsums. Das Burgenland ist ein Stück Fremde im eigenen Land, eine Art exotische Vertrautheit. Ein Ort, an dem unter der Woche die Pendlerdörfer ausgestorben sind und an dem es keinen funktionierenden öffentlichen Nahverkehr gibt, aber auch ein Land in dem man sich wegen zwei oder gar dreisprachigen Ortstafeln nicht die Schädel einschlägt. Das jüngste Kind von Österreich wandert vom Rand langsam in die Mitte. Es sollte auf dem Weg dorthin aber besser ein paar Doppler einpacken, denn der könnte noch lang werden.

„Gold ist der Zukunft Sonnenlicht, das strahlend auf Dich niederbricht!“ - Eine, vielleicht zu Recht, sehr optimistische burgenländische Landeshymne

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