Mittwoch, 1. Dezember 2010

Moesanthrops Adventkalender

Hochverehrte Christkinder, liebe Nikoläuse!
 
Haustür und Fenster in Oslo
Wie angekündigt darf ich Ihnen heuer an dieser Stelle einen Adventkalender (Adventskalender sagen nur Piefke) mit skandinavischem Flair präsentieren. Gespannt dürfen Sie einerseits auf die Inhalte, andererseits auf meine Disziplin sein, tatsächlich täglich einen Beitrag zu leisten. Mit ein bischen Glück können Sie also bis zum Heiligen Abend jeden Tag ein Fenster öffnen, wobei die Fenster eigentlich schon offen sein werden. Meiner umfassenden Bemühungen zum Trotz, ließ sich kein HTML-Code für auf- und zuklappbare Spoiler finden, der mit meiner Technikresistenz kompatibel gewesen wäre. So werde ich ältere Beiträge einfach nach unten reihen, damit Sie nicht täglich dorthin scrollen müssen. Viel Vergnügen also und eine besinnliche Adventzeit!

Frohen Advent!
1. Dezember - Dänischer Humor

Wulffmorgenthaler sind ein dänisches Comic-Zeichner-Duo, die nicht mit Mohammedkarikaturen berühmt wurden, sondern mit ihrem - nennen wir ihn mal bekifften - Humor. Manche Zeichnungen scheinen wirklich nur möglich, wenn man einiges von dem intus hat, was auch in Dänemark illegal ist. Trotzdem sind sie kongenial (Vergleichen Sie die Top 10 Strips ). Insgesamt ein empfehlenswerter Ausgleich für fade Stunden vor dem Computer.

Moses hatte Grund zu der Annahme, dass Gott eine Frau sei.

2. Dezember - Norwegens Küste


Norwegen ist ein Land mit extrem langer Küste. Die Küstenlinie des Festlandes beträgt 25.148 km, die der Inseln machen zusätzliche 58.133 km aus. Insgesamt können sie also 83.281 km norwegisches Meeresufer ablaufen. Das ist mehr als doppelt so lang als die Erde im Umfang (Luftlinie) misst. Wenn sie dabei eine Schritt- geschwindigkeit von 6 Kmh einhalten - Berg rauf, Berg runter - und nie schlafen, sind sie in ca. 580 Tagen durch. Dabei müssen Sie natürlich auch die ganzen Fjorde ins Landesinnere und wieder hinaus verfolgen. Der ausgedehnteste ist dabei 204 Km lang. Insgesamt gibt es fast 1.190 Fjorde im Königreich des Nordens. Sie sind vom Meer überschwemmte Trogtäler, die von Gletschern ausgeschliffen wurden.
3. Dezember - Karl XIV. Johann

Jean-Baptiste Bernadotte war das Kind eines Anwaltsgehilfen aus Pau im französischen Aquitanien. Er machte nach dem Sturz Ludwig XVI. im Revolutionsheer karriere und brachte es zum Offizier. Unter Napoleon stieg er bis zum General und schließlich zum Marschall Frankreichs auf. Als Karl XIII. von Schweden als letzter des Geschlechts der Wasa kinderlos blieb, adoptierte er Bernadotte. Dieser wurde aus der französischen Staatsbürgerschaft entlassen. Napoleon verzichtete nur nach dem Protest Bernadottes auf einen Passus, der es diesem verboten hätte gegen Frankreich Kieg zu führen. Nach dem Tod des Königs folgte ihm Jean-Baptiste als Karl XIV. Johann auf den schwedischen Thron und nahm schließlich auch an der Völkerschlacht in Leipzig gegen Napoleon teil. Als Karl III. war er auch König von Norwegen, das bis 1905 mit Schweden in Union stand. Um die Herrschaft antreten zu können war er zum Protestantismus konvertiert. Karl Johann lernte nie wirklich Schwedisch, er erwartete von den Mitgliedern seines Hofes mit ihm Französisch zu sprechen. Die von ihm begründete Dynastie Bernadotte regiert heute noch in Schweden und spricht angeblich fließend Schwedisch - trotz der schweren Legasthenie Karls XVI. Gustav. Angeblich ließ sich dessen französischer Ahnherr nie von seinen Kammerdienern beim Ankleiden helfen. Den Grund hierfür fand man - so heißt es - nach seinem Tod: Auf seinem Rücken hatte der ehemalige Revolutionär Jean-Baptiste den Spruch "Tod den Königen" tätowiert.
4. Dezember - Das schwedische Exil

Brandt, Palme und Kreisky in Wien
Während der deutschen Besatzung Österreichs war ein Gutteil der österreichischen Sozialdemokratie nach Schweden exiliert, allen voran Bruno Kreisky, dessen Vater dort eine Textilfabrik leitete. Kriesky selbst war Chef eines Konsumgeschäfts und schrieb nebenher für verschiedene Zeitungen. Nach dem Krieg kehrte Kreisky nochmals als österreichischer Diplomat nach Schweden zurück. Ebenso wie Kreiskys Sohn Peter wurde auch Margit Binder im Exil in Stockholm geboren. Sie war die Tochter Otto Binders und heratete später Heinz Fischer. Margit Fischer spricht daher fließend Schwedisch. Bruno Kreisky wiederum lernte im hohen Norden Ernst Karl Frahm kennen, der unter dem Pseudonym Willy Brandt im besetzten Norwegen lebte. Brandt und Kreisky blieben ein Leben lang Freunde. Beide waren außerdem eng mit Olof Palme befreundet, dem später
Gedenktafel für Olof Palme
unter bis heute ungeklärten Umständen ermordeten schwedischen Ministerpräsidenten. Palme, Brandt und Kreisky standen in den Siebzigerjahren für das sozialdemokratische Europa und waren darüber hinaus federführend in der europäischen Friedenspolitik.
5. Dezember - 2. Adventsonntag - Das Kreuz des Nordens

Der Dannebrog
Die Skandinavischen Flaggen mit ihren markanten - zum Flaggenmast gewandten - Kreuzen gehen auf das gemeinsame dänische Vorbild, den sogenannten Dannebrog zurück. Dessen Geschichte reicht vermutlich bis ins 10. Jahrhundert zurück. Dänemarks Flagge gilt daher, neben der österreichischen, als älteste noch in Verwendung befindliche Nationalflagge der Welt. 

Die schwedische Flagge
Vom schwedischen Wappen - drei goldene (in der Heraldik entspricht Gold Gelb und Silber Weiß) Kronen auf blauem Grund - stammt die Farbvorgabe für die Flagge des Landes. Die drei Kronen sollen dabei auf den alten Titel der schwedischen Herrscher verweisen: König der Schweden, Goten und Vandalen.

Die Flagge Norwegens
Norwegen wiederum übernahm in farblicher Kombination der dänischen und schwedischen Symbole seine dreiteilige Flagge, wobei auf die Einhaltung der heraldischen Farbregel, wonach Farben (wie Blau und Rot) keine Farben und Metalle (Silber und Gold) keine Metalle berühren dürfen, bedacht genommen wurde. Diese Farbenlehre führt zu einem hohen Farbkontrast und leichterer Erkennbarkeit von Flaggen und Wappen. Norwegens Flagge besteht also aus einem blauen Kreuz (Farbe) mit silberner (=weißem) Kontur (Metall) auf rotem Tuch (=Farbe). Die wohl prominenteste Missachtung dieser Regel findet sich im deutschen schwarz-rot-gold. Im Übrigen besteht der Unterschied zwischen Fahne und Flagge darin, dass eine Fahne  ein einzelnes bestimmtes Stück Stoff ist (z.B. Truppenfahne), während es sich bei Flaggen um beliebige Exemplare mit einheitlichem Muster handelt.

Die Nazis wussten, wie sie im besetzten Norwegen Ängste wecken konnten. Das hier dargestellte Propagandaplakat zeigt eine Hand mit Hammer und Sichel (=die Sowjetunion/der Bolschewismus) die das Kreuz samt Kontur von der norwegischen Flagge reißt. Übrig bleibt nur das rote Tuch, als Symbol des Kommunismus. Das blitzförmige "Nei", norwegisch für Nein, symbolisiert dabei die angebliche Absicht der Faschisten, Norwegens "Eigenständigkeit" vor den Sowjets zu bewahren.


Finnlands Flagge
Neben Finnland (blaues Kreuz auf weißem Grund) und Island (rotes Kreuz mit weißer Kontur auf blauem Grund), ist das skandinavische Flaggenmuster auch in etlichen Teilstaaten und Provinzen, auch außerhalb des skandinavischen Kulturraumes selbst, vertreten. Das Flaggenmuster des dänischen Vorbildes hat übrigens zwar einen christlichen Ursprung, stammt aber nicht - wie etwa die Flagge Englands - aus der Zeit der Kreuzzüge, sondern ist  wie gesagt wesentlich älter. Aus der Farbkombination von Kreuz, Kontur und Hintergrund, lässt sich mitunter - wie im Fall Norwegens - eine historische
Die Flagge Ålands
Bedeutung ablesen. So führt die autonome, zu Finnland gehörende Inselgruppe Åland, auf der ausschließlich Schwedisch Amtssprache ist, als Zeichen der Verbundenheit zum Mutterland ein gelb unterlegtes rotes Kreuz auf blauem Tuch. Auch die autonomen, zu Dänemark gehörenden, Färöerinseln haben das nordische Kreuz adaptiert (rotes Kreuz, blaue Kontur, weißer Grund). Jüngstes Beispiel für die Einführung einer skandinavischen Flagge ist die schottische Insel Orkney (blaues Kreuz, gelbe Kontur, rotes Tuch).
Flaggen sind in Skandinavien mehr als nur ein Stück Tuch, das an zwei Feiertagen im Jahr an öffentlichen Gebäuden gehisst wird. Allein in Finnland gibt es acht offizielle und zwölf eingebürgerte Flaggentage, an denen auch von privaten Haushalten die Nationalfarben gehisst werden. In Schweden gibt es 16 offizielle Anlässe pro Jahr, an denen beflaggt werden soll. In Jahren, in denen ein neuer Reichstag gewählt wird, sind es 17. Der Flaggenmast gehört zu einem skandinavischen Durschnittshaus wie die Türen und die Fenster. Wenn nicht gerade die Nationalflagge gehisst ist, verbleibt auf dem Masten für gewöhnlich ein spitz zulaufender Wimpel (ein sogenannter Stander) mit deren Farben, jedoch ohne Kreuz. Privathaushalte
Ein Stander in schwedischen Farben
hissen die Flagge jedoch nicht nur zu offiziellen und inoffiziellen Flaggentagen, sondern auch zu persönlichen Anlässen wie Geburtstagen oder Festen. Mit dem Hissen der Flagge geht im Skandinavischen Raum auch ein recht verbreiteter Patriotismus einher. Eine Einstellung die, infolge des Missbrauchs derselben durch die Nazis, in Österreich wie Deutschland nur noch vermindert anzutreffen ist. Vielleicht würde es uns nicht schaden, abseits jeder nationalistischen Ignoranz, wie die Skandinavier öfter mal Flagge zu zeigen.
6. Dezember - Norwegen und der Walfang

Fischerhütte (Rorhus) auf den Lofoten
Wie Island, Grönland und die Färöer gehröt auch Norwegen zu den nordischen Nationen, die noch immer Walfang betreiben. Auf der Abschussliste stehen dabei ausschließlich Zwergwale, deren Population ausreichend gesichert ist. Die Fangquote für das Jahr 2010 beläuft sich auf 1286 Tiere, wobei diese in den vergangenen Jahren meist nicht ausgeschöpft wurde. Aus der Quote des Vorhjahres (885 Tiere) wurden nur 484 Individuen erlegt. Norwegen stützt seinen Primärsektor (Landwirtschaft, Fischerei,
Inuit beim Zerlegen eines Wals
Walfang) mit enormen Subventionen um ihn konkurrenzfähig zu halten. Davon profitieren vor allem geringer besiedelte Regionen im hohen Norden, in denen der Staat auf diese Weise Arbeitsplätze sichert. Da das erzeugte Walfleisch in Norwegen selbst nicht zur Gänze nachgefragt wird, exportiert das Königreich auch in die benachbarten Staaten sowie nach Japan, das als weltweit größter Abnehmer gilt und auch selbst Wale - offiziell zu wissenschaftlichen Zwecken - fängt. In Norwegen gilt die Jagd auf die Meeressäuger als Tradition und genießt daher in der eher konservativen norwegischen Gesellschaft einigen Rückhalt. Das Land hat gegen das seit
Filetierplan für Wale
1993 geltende internationale Walfangmoratorium Einspruch erhobe und fühlt sich nicht daran gebunden. Versuche ein generelles Ende des Walfangverbotes zu erreichen - Japan „ersubventionierte“ sich hierfür schon einmal die Stimmen ärmerer Staaten in der internationalen Walfangkommission - sind bis dato jedoch ohne durchschlagenden Erfolg geblieben.
7. Dezember - Norwegen und das Öl

Norwegen hat drei große Vorteile. Erstens: Norwegen hat Öl, sehr viel Öl. Vielleicht nicht mehr soviel wie früher, aber immer noch genug. Zweitens: Selbiges gilt für Gas. Drittens: Norwegen ist nicht Österreich. Norwegische Politiker verwenden die Petrodollars nicht um eine unleistbares Pensionssystem zu verewigen oder um in Jeder Schule eine goldene Statue des Landeshauptmannes aufzustellen, wie das vielleicht hierzulande geschehen würde. Die Norweger gelten als besonnenes Volk, wozu gehört, dass man nachdenkt, bevor man handelt. Als man also vor Norwegens Küste viel viel Öl und später auch Gas fand, hatte die königlich Norwegische Regierung keine Onkel-Dagobert-Dollarzeichen-Augen und handelte auch nicht als erstes einen Belugakaviar-Liefervertrag für die Staatsratskantine aus. Sie dachte nach und kam zu dem Ergebnis, dass es wohl das beste sei zu sparen. Also wurde 1967 der Folketrygdfondet, was soviel wie Volksversicherung heißt, aufgelegt, denn Norwegen hatte den Eindruck, dass es an der Zeit sei so lästige Dinge wie Sozialabgaben auf ein Mindestmaß zu senken. Man zahlt also 7,8% des Gehalts in die Sozialversicherung, die Arbeitslosen-, Kranken und Pensionsversicherung in einem ist. Familienförderungen sind In Norwegen grundsätzlich nicht über Beiträge sondern steuer-, also ölfinanziert. Doch dann kamen die Probleme. 

Eine etwas unbescheindene Zähluhr im norwegischen Ölmuseum. Sie zeigt oben den momentanen Stand des Fondvermögens, in der Mitte den momentanen Ölpreis und unten die Tagesförderung.
Nachdem man für alle zukünftigen Geschlechter die Frage der Kranken-, Arbeitslosen- und Pensionsversicherung gelöst hatte, war noch viel Geld übrig. Und wieder gab es sehr viel davon. Weil Norwegen aber ein relativ kleines Land mit nicht einmal fünf Millionen Einwohnern ist, schafft man das Geld lieber ins Ausland. Man kann - das mag schwer zu fassen sein - nämlich auch zu viel Geld in einem Land haben. Norwegen hat nämlich soviel auf der hohen Kante, dass es wahrscheinlich jedes Unternehmen im Inland verstaatlichen könnte. Weil sich das aber für eine freie Marktwirtschaft nicht gehört, wurde 1990 ein zweiter Fond aufgelegt, der Statens pensjionsfond. Dem wurde dann der Folketrygdfondet als Statens pensjonsfond Norge unterstellt und ein Statens Pensjonsfond Utland hinzugefügt. Und wenn man einmal zwei Fonds hat und in dem kleineren 113 Milliarden Kronen (ca. 19 Milliarden Dollar) und im größeren 2,8 Billionen Kronen (ca. 466 Milliarden Dollar) stecken, muss man eben auch etwas damit anfangen.  Weil man die Fonds aber nicht sukzessive plündern wollte - der Staat führt in sein Budget nur 2 bis 4% Zinsen ab - hat sich Norwegen förmlich aus der Not heraus ,so viel Geld zu haben, zum investieren entschlossen. Und weil es wie gesagt sehr viel Geld ist, besitzen die etwa 4,8 Millionen Norweger nun ca. 1% aller Aktien Weltweit. Das mag wenig klingen, dividiert man aber die schätzungsweise 6,9 Milliarden Menschen, die derzeit unseren Planeten bewohnen durch 100, kommt man auf 69 Millionen. Sovielen Menschen würde vom Standpunkt der Verteilungsgerechtigkeit aus 1% des Weltaktienkapitals zustehen. Die Norweger sind also etwas überbegütert. Und dabei ist ihr Privatbesitz und der sonstige Staatsbeszitz noch gar nicht mitgerechnet. Und weil viel Geld auch mächtig macht, sind manche Länder etwas beunruhigt. Daher muss ein Beauftragter des Staatsfonds auch hin und wieder vor dem US-Kongress über die norwegischen Investitionen in den Vereinigten Staaten aussagen. Weil Norwegen aber nicht Österreich ist, hat es für seine Investitionen ethische Richtlinien erlassen. Das sind nun aber nicht solche Richtlinien, wie sie auch die CIA oder BP haben, sondern solche an die man sich auch hält. Norwegen kauft keine Aktien von Tabakfirmen und keine von EADS, weil die Atomraketen für das mächtige Frankreich herstellen. Und auch Wal-Mart findet sich auf der Liste der Verbannten, weil es Arbeitnehmerrechte bricht. Um sich für den eigegen Reichtum nicht so schämen zu müssen, ist das Land auch, auf das BIP gerechnet, einer der größten Entwicklungshilfezahler der Welt, an dritter Stelle der besten Klimaschützer und betreibt in Spitzbergen eine internationale Samenbank, zur Erhaltung der Biodiversität bei Pflanzen natürlich. Norwegen gehöret also eher zu den sympathischen Reichen. Man könnte es den Bono unter den Staaten nennen, es ist aber nicht so mediengeil und macht kein großes Getöse um sein Engagement. Da stört es auch nicht so sehr, wenn man hört, dass das Pensionsfondvermögen bis 2014 auf  die Summe von 750.000.000.000 US-Dollar steigen soll.
8. Dezember - Der Krieg der Hüte

Schweden hatte sich nach dem Dreißigjährigen Krieg als europäische Großmacht etabliert, diese Stellung aber - zusammen mit weiten Gebieten seines Territoriums wie Estland und Pommern - im so genannten Nordischen Krieg (1700-1721) wieder eingebüßt. Da das Königtum zu dieser Zeit äußerst schwach war, lag die Macht beim schwedischen Reichstag, der jedoch kein demokratisch gewähltes Parlament sondern eine Adelsversammlung darstellte. Dort bekämpften sich die Partei der Hüte und die der Mützen. Erstere hatte ihren Namen vom so genannten Dreispitz, einem Hut, der zu dieser Zeit bei Militär und Oberschicht in Mode war.
Gemälde von Adolf von Menzel
Die Mützen wiederum erhielten ihren Namen von den Hüten, die sie mit faulen Schlafmützen verglichen. Die Hutfraktion war profranzösisch und kontrarussisch, bei den Mützen war das - wie man sich denken kann - umgekehrt. Als die Hüte nun an die Macht kamen, nutzten sie die Gelegenheit um Russland den Krieg zu erklären, auch in der Hoffnung den verlorenen Großmachtstatus wiederzuerlangen. Unterstützt von Frankreich, das auf eine Schwächung des mit dem Zarenreich verbündeten Österreich aus war, erklärte Schweden am 8. August 1741 den Krieg. Obwohl der Kriegsverlauf für Russland mit einem Putsch im Inneren ungünstig verlief, vermochte Schweden es nicht dieses niederzuringen. Als die Russen im - damals noch schwedischen - Finnland einmarschierten und im Reich Bauernaufstände ausbrachen, waren die Schweden 1743 gezwungen den Frieden von Åbo zu akzeptieren und Teile Südfinnlands an das Zarenreich abzutreten. Die Hüte kontrollierten Schweden noch über das Kriegsende hinaus und mussten den politischen Löffel erst 1765 abgeben. Die Adelsherrschaft wurde schließlich durch die absolutistische Herrschaft König Gustavs III. (1771-1792) beendet.
9. Dezember - Die Wikinger

Wikingerhelm im
Osloer Universitätsmuseum
Wer waren die Wikinger? Ein Volk, das sich kollektiv die Nase rieb um nachzudenken oder bei Luftsprüngen die Hacken zusammenschlug, wenn es entzückt war? Abseits der Zeichentrickidylle ging es bei den Piraten aus dem Norden - das Phänomen ist im letzten Jahrtausend südwärts gewandert - etwas raubeiniger zu, als bei Wicki und den starken Männern. Wikinger ist ohnehin weniger eine Volks- als vielmehr eine Berufsbezeichnung.  Die Wikinger waren heidnische Germanen mit einem etwas diffusen Eigentumsbegriff. Da Sie in ihrer Heimat - oftmals Norwegen - von Mutter Natur nicht gerade mit überbordenden materiellen Gaben eingedeckt wurden, beschafften sie sich Notwendiges und Wünschenswertes anderswo. Weil Amazon damals noch in der Aufbauphase steckte und man die Offshoretechnologie zur Ölförderung erst noch ausfeilen musste, verlegten sich die Wikinger aufs Rauben. Und weil die Nordmänner damals noch richtige Partytiger waren, diese Neigung ist leider über die Jahrhunderte in den Hintergrund geraten und tritt heute nur mehr in Verbindung mit massivem Alkoholismus auf, kombinierten sie das Nützliche mit dem Angenehmen und fügten dem Raub noch das Morden und Brandschatzen hinzu. 
Stabkirche im Freiluftbereich des Volkmuseums 
in Oslo. Stabkirchen waren die ersten christlichen 
Sakralbauten auf dem Gebiet des heutigen Norwegen.
Weil die Wikinger keine Christen waren, die Religion kam erst im 12. und 13. Jahrhundert in den hohen Norden, hatten sie auch kein Fegefeuer für ihre Taten zu fürchten, sondern freuten sich für den Fall des raubzugsbedingten Ablebens auf Odins Tafel in Walhall. Dieser Einstellung fielen etliche Dörfer, Städte und Klöster von Frankreich über die britischen Inseln, bis nach Norddeutschland zum Opfer. Weil die Wikinger aber nicht nur brutal, sondern auch geschäftstüchtig waren, konnten potentiell zu Überfallende bei ihnen eine Antiwikingerversicherung erwerben. Das Schutzgeld war geboren. Die Wikinger gingen in fest zusammengesetzten Trupps, die aus Männern zwischen 18 und 50 Jahren bestanden, auf Beutezug.
 Schild und Waffen im Museum 
der Universität Oslo
Ihre Expeditionen waren begleitet von mehreren Auswanderungswellen, in denen sich die Nordmänner - die ungegenderte zivile Version der Wikinger - in mehreren europäischen Ländern, allen voran das östliche Großbritannien und die Normandie, ansiedelten. Dass für sie vor allem der wirtschaftliche Aspekt ihrer Handlungsreisen im Vordergrund stand, beweist unter anderem die Tatsache, dass sie nach ihrer Niederlassung in Britannien begannen von dort aus Norwegen zu überfallen. Dieses Vorgehen seyß-inquartschen Ausmaßes wurde schließlich von König Harald Hårfagre beendet. Nachdem sich die zentrale königliche Staatsgewalt in ihrem Hauptherkunftsland Norwegen also immer mehr festigte, die Neurekrutierung von Raubgefährten schwieriger wurde und sich die atlantischen Küstenstädte und Siedlungen mehr und mehr gegen die Angriffe zur Wehr setzten, neigte sich das Zeitalter der Wikinger um das 11. Jahrhundert dem Ende zu. Die meisten ließen sich  in der Folge als Bauern oder Handwerker nieder. Was sie uns hinterließen, sind ihr Genmaterial in ganz Nordeuropa und eine geschichtsklitternde aber liebenswerte Kinderserie.
Wikinger (links) und Nordmann (rechts) in einem klassischen Berufsbildkonflikt. (© Wulffmorgenthaler)
10. Dezember - Der hohe Norden und das liebe Geld

Geld regiert die Welt heißt es so trefflich und weil Skandinavien sich auch auf diesem Globus findet, kommt man auch dort dem monetären Zahlungsverkehr nicht aus. Aber natürlich ist auch beim Zaster so manches anders: Zunächst sollten Sie reichlich davon mitbringen. Dänemark und Finnland sind teuer, Schweden sehr Teuer, Norwegen privatkonkursgefährdend. Dort dürfen Sie als Österreicher die Erfahrung machen, wie sich ein Osteuropäer fühlt, wenn er in Wien in der Kärntnerstraße einkaufen geht. Am teuersten ist in Skandinavien der Alkohol. 6€ darf ein kleines Bier schon kosten.

Die meisten Alkoholika kann man sowieso nur im Staatsmonopol kaufen. Norwegen, Island und die Färöer haben eine Prohibitionsvergangenheit. In Island wurde Leichtbier erst 1989 legalisiert. Da so mancher Nordmann geneigt sein dürfte in langen Winternächten die Sonne innerlich aufgehen zu lassen, kann man der restriktiven Alkoholpolitik zumindest ein Quäntchen Verständnis entgegenbringen. Aber auch sonst ist der hohe Norden nichts für Schnäppchenjäger, mit Ausnahme von Rentierfellkäufern. Weil man in Skandinavien aber nicht nur geschäfts-, sondern auch selbstbewusst ist, haben die EU-Mitglieder Schweden und Dänemark auf die Einführung der Gemeinschaftswährung Euro verzichtet und ihre Kronen behalten. Einzig Finnland hat seine Mark gegen die europäische Leitwährung getauscht.
Eine isländische Krone (0,6 Eurocent)
Island könnte, nach erfolgtem EU-Beitritt, aufgrund der schweren Wirtschaftskrise und der daraus resultierenden Hyperinfaltion bald dazu gezwungen sein. Bekam man zu Beginn des Jahres 2008 noch etwa 50 isländische Kronen für einen Euro, so waren es in Verlauf des Jahres bis zu 300 Kronen und mehr. Mittlerweile hat sich der Kurs wieder bei 150 Kronen pro Euro eingependelt. Das Grundproblem der Isländischen Wärung war, dass sie frei gehandelt wurde, einen sehr kleinen Markt bediente - Island hat weniger Einwohner als Vorarlberg - und daher leicht angreifbar war. Darüber hinaus finanzierte sich die isländische Bankenwirtschaft über Auslandskredite, die nach der Pleite von Lehman Brothers nicht mehr flossen. Die ausländischen Kunden begannen ihr Vermögen massenweise von den Inselbanken abzuziehen, was diese in die Zahlungsunfähigkeit führte. Daraufhin musste der isländische Staat den Bankensektor auffangen und verstaatlichen.

Weniger von der Wirtschaftskrise gerüttelt wurden die anderen Kronen-Staaten Dänemark, Norwegen und Schweden.  Eine Skandinavische Münzspezialität bildet die sogenannte Lochmünze. Sie ist vor allem in Dänemark verbreitet und findet sich heute noch auf den norwegischen ein und fünf Kronen Münzen sowie auf den dänischen Münzen von einer bis fünf Kronen. Der Grund für die Schaffung solcher Münzen war dabei nicht die Möglichkeit zur praktischen Auffädelung derselben auf Münzketten, sondern schlicht und einfach die Metalleinsparung, die sich durch ein Loch in der Münzmitte ergab.Bei Kurantmünzen, die ihren Wert durch das Münzmetall (meist Silber oder Gold) selbst decken, konnte damit das Staatsbudget  auf Kosten der umlaufenden Geldmenge in Edelmetall aufgebessert werden.
Margrethe II. auf einer 10 Kronen Münze
Entsprechend der Tradition in Monarchien führen Dänemark, Norwegen und Schweden auf manchen Münzen das Portrait des Herrschers beziehungsweise der Herrscherin. Ausgenommen sind hiervon generell die beschriebenen Lochmünzen. Könige mit Löchern im Kopf sind nicht gerade der Grundgedanke der monarchischen Staatsform. In Schweden, das republikanische Tendenzen zeigt, wird die Abbildung des Konterfeis von Carl XVI. Gustav auch kritisch gesehen. Viele empfinden es nicht mehr als zeitgemäß das Portrait eines erblichen Staatsoberhauptes auf ein Münzbild zu prägen. Die Schweden sind eben innovativ. Von der  schweidschen 10 Kronen Münze stammt der Begriff Nordisches Gold, eine Metalllegierung die hier erstmals eingesetzt wurde und aus der auch die 10, 20, und 50 Eurocent Münzen bestehen.

Schweden ist es auch, in dem überhaupt die Abschaffung des Bargeldes diskutiert wird. Dieses sei das Schmiergeld der Kriminalität meinte die oberste Polizistin des Landes. Natürlich lässt sich die Herkunft eines Geldscheins nicht wie jene einer Bankanweisung nachvollziehen. Trotzdem wär's doch ein bisschen schade, wenn Carl Gustav nicht mehr konsterniert von den Kronemünzen blicken würde. Der Arme darf im parlamentarischen Schweden ja sonst nirgends seine Nase hineinstecken. Das Bildnis des ungekrönten und politisch ohnmächtigen Königs hat sich seit einer kürzlichen Buchveröffentlichung aber nicht nur in den Geldbörsen der Schweden massiv abgenutzt. Seit bekannt ist, dass Carl, der Einfachgestrickte, Gustav in Bordellen verkehrte - Prostitution ist in Schweden illegal - hat sich die Liste seiner Anhänger weiter reduziert.
Harald V. auf dem Avers der 20 Kr. Münze
An den Münzen erkennt man im übrigen auch die kleinen aber feinen Differenzen im skandinavischen Sprachgefüge erkennen. Carl Gustav ist Sveriges Konung, Harald Norges Konge und Margrete trägt den Titel Danmarks Dronning. Dronning ist auch im Norwegischen die Bezeichnung für Königin - König heißt auch drott (dän.: drot). Im Schwedischen heißen weibliche Monarchen drottning.
11. Dezember - Der König in Nybergsund
Haakon VII. von Norwegen war ein seltsamer König. Schon allein aufgrund der Tatsache, dass er eigentlich nie für einen Thron vorgesehen war. Er war der zweitälteste Sohn des Thronfolgers von Dänemark. Sein Großvater war Christian IX., sein Vater würde Friedrich VIII. und sein Bruder Christian X. werden. Das stand schon fest als Opa Christian noch lebte. Der kleine Carl - so hieß Haakon damals noch - hatte in diesem Planspiel der agnatischen Primogenitur lediglich die Rolle des Erben in Reserve, so für den Fall der Fälle. Der Fall trat nie ein. Wie wurde Carl also trotzdem König? Da kommt die zweite Seltsamkeit ins Spiel: Durch Wahl. Die Norweger hatten sich 1905 nach langem Klinsch aus der Personalunion mit Schweden gelöst. Ein Krieg hatte nur knapp abgewendet werden können. Oskar II. von Schweden verzichtete schließlich auf den norwegischen Thron. Um die Beziehung mit dem größeren Nachbarn wenigstens etwas zu kitten wollten die Norweger zunächst den zweitältesten Schwedenprinzen auf den Norwegischen Thron rufen. Doch Oskar war bockig und verweigerte seinem Sohn die notwendige Zustimmung.
Haakon und Königin Maud nach der Krönung
Weil es aber nun schon ein Skandinavier sein sollte, sah man sich im benachbarten Dänemark um und kam auf Carl. Das vor allem deshalb, weil er bereits einen Sohn als potentiellen Thronfolger hatte und mit der Tochter des britischen Königs verheiratet war, einem wichtigen möglichen Verbündeten für Norwegen. Wie gesagt war Carl etwas seltsam, denn er hatte demokratische Allüren. Nachdem das Storting - das norwegische Parlament - ihn zum König gewählt hatte erklärte er, er würde die Krone nur annehmen, wenn die Wahl durch Volksabstimmung bestätigt werde. Die Norweger stimmten in der Folge mit beinahe 79% für die Monarchie. Carl kam schließlich, gerade einmal 33-jährig,  nach Norwegen und wurde König, als sein Vater noch Kronprinz von Dänemark war. Weil Carl aber nicht nur sonderbar, sondern auch schlau war - die Abstimmung hatte ihm ein vom Parlament unabhängiges Mandat erteilt - nahm er einen alten norwegischen Königsnamen an, nämlich Haakon (auch Håkon geschrieben). Seinen Sohn Alexander nannte er Olav. Das steigerte seine Beliebtheit beim norwegischen Volk, das damals mitten in einer nationalen Selbstfindungsphase steckte und Reminiszenzen auf die Vergangenheit daher zu schätzen wusste, zusätzlich. Haakon war der letzte skandinavische König der auch gekrönt wurde. Krönungen finden heute europaweit nur noch in Großbritannien statt. Als Haakon nun König war, bemerkte er, dass Norwegen im Winter doch etwas dunkler und kälter war als das ohnehin schon raue Dänemark. Also verbrachte er die Zeit lieber mit seiner Frau in deren Heimat. Schließlich musste eine Delegation dem König klar machen, dass es eine der essentiellsten Aufgaben des Norwegischen Staatsoberhauptes sei, mit seinem Volk den Winter zu überleben. Er kehrte also nach Kristiania, das später in Oslo umbenannt wurde, zurück und blieb dort. Haakon VII. hätte nun friedlich bis an sein Lebensende Herrscher über Norwegen sein können, wenn da nicht die Nazis gewesen wären.  Denen passte Norwegen nämlich nebst Dänemark ins geostrategische und nicht zuletzt auch ins rassische Konzept. Die Norweger standen dem Konzept der Nazis aber nicht so blond und schon gar nicht blauäugig gegenüber, wie diese es sich gewünscht hätten. Als Dänemark - das nunmehr von Haakons Brunder Christian regiert wurde - im Zuge der „Operation Weserübung“ wie im Handstreich fiel und kaum Widerstand leistete, erwarteten die Deutschen ähnliches von den Norwegern. Diese weigerten sich aber wie aufgefordert um deutsche „Schutztruppen“ zu bitten, um die Invasion zu legitimieren. Als der Wehrmachtskreuzer Blücher in den Morgenstunden des 9. April 1940 in den Oslofjord einfuhr, eröffneten die norwegischen Küstenbatterien das Feuer. Die Blücher sank mitsamt ihrer tödliche Ladung (die geplante deutsche Zivilverwaltung für Norwegen nebst Gestapo-Mitarbeiter). Der Parlamentspräsident Carl Joachim Hambro reagierte daraufhin schnell. Er sammelte den König, die Regierung und den Großteil des Stortig zusammen und bestieg mit ihnen einen Sonderzug. Die Staatsführung wurde zunächst nach Hamar, dann nach Elverum evakuiert, wo das Parlament zusammentrat um dem König und seiner Regierung einstimmig die Vollmacht zu erteilen, das Land zu vertreten, bis das Parlament wieder versammelt werden könne. In Nybergsund in der Nähe von Elverum erreichte den König und die Regierung schließlich ein deutsches Ultimatum, das die Ernennung einer nationalen Regierung und die Einstellung der Kampfhandlungen einforderte. Der König erklärte im Staatsrat (Regierung), er werde nicht gegen den Rat seiner Regierung handeln. Empfehle die Regierung aber die Annahme des deutschen Ultimatums, werde er für sich und all seine Nachkommen abdanken, da die Erfüllung des deutschen Diktats gegen seine Überzeugungen von seiner Verantwortung als König verstießen.
Der König und der Kronprinz - der spätere 
König Olav V. - im Versteck im Birkenwald 

von Nybergsund.
Die Regierung folgte dem König daraufhin geschlossen in seiner Ablehnung des Ultimatums Als die Nachricht den Feind erreichte, entschlossen die Deutschen die Sache deutsch zu lösen. Ein Geschwader der Luftwaffe legte am 11. April Nybergsund in Schutt und Asche, in der Hoffnung, den König nebst Thronfolger und Regierung zu beseitigen. König und Regierung verbargen sich aber im Wald und entgingen dadurch dem Anschlag. Schließlich wurde die Staatsführung über Molde nach Tromsø evakuiert, wo der Wanderkönig mit seinem Sohn eine Holzhütte bewohnte, bis sie und die Regierung aufgrund der aussichtslosen militärischen Lage nach Großbritannien ausgeschifft wurden. Natürlich gaben sich die Deutschen damit nicht zufrieden.
Das Plakat macht den König für den 
Beschuss von Industrieanalagen 
durch die Alliierten verantwortlich.
Auf einer Piratenflagge findet sich
neben dem Union Jack, der britischen 
Flagge, auch der Wahlspruch des Königs 
„Alt for Norge“ - „Alles für Norwegen“.
Darunter steht mit dem Monogramm 
des Königs kombiniert „Hjelpen fra
England“ - „Hilfe aus England“, in 
Anspielung auf die Herkunft der Bomben 
und das Exil des Königs.
Der von Hitler eingesetzte Reichskommissar Terboven setzte das in Norwegen verbliebene Parlament unter Druck den König für abgesetzt zu erklären. Das Stortig weigerte sich zunächst dem Folge zu leisten, woraufhin die Deutschen die Internierung aller männlichen Norweger im wehrfähigen Alter in Konzentrationslagern androhten, sollte das Storting nicht handeln. Daraufhin schickte das Parlament einen Brief zum König ins Exil, mit der Bitte abzudanken. Dieser schrieb zurück, dass er annehme, das Storting habe unter äußerem Druck gehandelt und er sich daher nicht an die Aufforderung gebunden fühle. Als die Deutschen es nicht schafften den König loszuwerden, begannen sie ihn anzubatzen, indem Sie ihn für die Kriegsaktionen der Alliierten direkt verantwortlich machten.
Die Norweger selbst taten es anderen europäischen Völkern gleich: Manche schlossen sich den Deutschen und der von ihnen eingesetzten Marionettenregierung unter Vidkun Quisling - sein Name wurde zum Synonym für Verrat, er wurde nach dem Krieg hingerichtet - an, andere gingen in die innere Emigration, manche leisteten Widerstand.
Ein deutsches Propagandaplakat
macht Haakon VII. für den Beschuss
 
norwegischer Schiffe verantwortlich. 
(Auf der Bombe findet sich auch
 
das Monogramm des Königs H 7)
So wurde es etwa Mode am Revers aus Protest gegen die deutsche Besatzung eine Büroklammer als Zeichen des Zusammenhalts zu tragen. Die Deutschen gaben sich daraufhin der Lächerlichkeit preis, indem sie das Tragen von Büroklammern verboten.


Der Krieg nahm ein Ende und der König kehrte am 7. Juni 1945 nach Oslo zurück. Er wurde von einer jubelnden Menge empfangen und übergab dem Storting wieder die Staatsgewalt. Am 21. September 1957 starb Haakon VII. schließlich im Alter von 85 Jahren, nachdem er beinahe 52 Jahre regiert hatte. Von dem seltsam demokratischen Monarchen mit Pflichtbewusstsein ist ein Zitat überliefert, das seine Einstellung verdeutlicht. Als man ihm die Gefahren des Kommunismus für Norwegen vorhielt soll er geantwortet haben:

„Jeg er også kommunistenes konge“ -
„Ich bin auch der König der Kommunisten.“
12. Dezember - 3. Adventsonntag - Gott schütze die royale Lunge

Margrete II. Königin von Dänemark
Die Familie von Königin Margrete II. regiert Dänemark schon seit über 1000 Jahren. Ihr Ahnherr Gorm der Alte (Gorm den Gamle) gilt als erster König. Seine Nachfahrin ist aber ungemein weltoffener als der gammlige Wikinger. Sie fährt gerne Fahrrad und ist eine bekannte Kettenraucherin. Ihre Lieblingsmarke, die griechischen Billigtschik „Karelia“, sind in Dänemark angeblich nicht zum Verkauf freigegeben und müssen daher eigens für sie importiert werden. Margrethe wird hin und wieder von den Extravaganzen ihres – beim Volke extrem unbeliebten, dafür aber beleibten – französischen Importgatten Henri, dänisch Henrik, gebeutelt, was hin und wieder zum Abkühlen der Ehe führen soll. Dass der gute Henrik mit allen Wassern gewaschen ist, weiß man spätestens seit der Hochzeitsansprache seines Sohnes Frederik. Dieser meinte sinngemäß, dass es ja hieße, Menschen die ihre Kinder liebten, schlügen diese auch, und dass Henrik seine Söhne nie an seiner Liebe habe zweifeln lassen. Bei den liberalen Dänen ist der knorrige Prügelprinz – der auch dem Wein nicht abgeneigt sein soll – endgültig unten durch, seit er mit frauenfeindlichen Aussagen Furore machte. Sein Interesse für Dänemark hält sich dabei in recht engen Grenzen. Er spricht Dänisch nur mit schwerem Akzent, dafür aber Chinesisch sowie Vietnamesisch fließend, und verwechselt auch mal die Justizministerin des eigenen Landes mit der Frau des deutschen Botschafters.
Margrete mit Tschik (© Süddeutsche)
Viel beliebter ist dafür seine Frau. Obwohl sie nach wie vor wie ein Schlot qualmt, tut sie es seit 2007 zumindest nicht mehr in der Öffentlichkeit, um ihrer Vorbildfunktion gerecht zu werden. Die Dänen sind aber auch bereit die Schwäche ihrer Herrscherin zu verteidigen, wenn ihr etwa schwedische Medien vorwerfen, Werbung für Drogen zu machen. Als Margrethe geboren wurde, war ihr Opa noch König von Island, weshalb sie mit drittem Vornamen Þórhildur heißt. Sie ist hobbymäßige Malerin und Grafikerin. So hat sie etwa unter dem Pseudonym Ingahild Grathmer die dänische Ausgabe
Ein Drache (© Ingahild Grathmer)
des Herrn der Ringe illustriert. Daneben ist sie für die von ihr entworfenen Messgewänder und Bühnenbilder bekannt. Umstritten war der Ankauf zweier ihrer Gemälde durch die dänische Nationalgallerie. Das ist die Krux der Könige: Man weiß nie, ob die Arbeit oder der Arbeiter im Vordergrund steht. Dänemark ist eine konstitutionelle Monarchie. Die Königin ernennt den Premierminister, führt den Oberbefehl über die Streitkräfte und ist das Oberhaupt der Staatskirche. Ihre Person ist laut Verfassung „heilig und unverletzlich“, was auch der bislang ausbleibende Lungenkrebs beweist. Da ihre Eltern keinen Sohn zusammengebracht haben, musste das dänische Thronfolgegesetz für sie und zuungunsten ihres Onkels Knut geändert werden. Sie selber ist dafür äußerst androfertil und hat gleich zwei Söhne - Thronfolger Frederik und Prinz Joachim - zur Welt gemacht. Die Versorgung Dänemarks mit Königen ist spätestens seit der Geburt ihres Enkels Prinz Christian auf absehbare Zeit gesichert. Als Mitglied des Hauses Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg ist sie sowohl mit Königin Sophia von Spanien, als auch mit Prinz Philip Mountbatten verwandt. Dass Philip und Henrik sich gut verstehen ist anzunehmen, aber nicht überliefert.
13. Dezember - St. Lucia

Sollten Sie sich einmal an einem 13. Dezember in Schweden aufhalten und Ihnen begegnen Menschen in langen weißen Kleidern, dann fürchten Sie sich nicht. Es handelt sich hiebei nicht um die skandinavische Filiale des Kukluxklan, sondern vielmehr um ein vorweihnachtliches Brauchtum. Dabei tritt die älteste Tochter der Familie als Heilige Lucia - eine Märtyrerin aus Syrakus - auf. Sie trägt ein langes weißes Kleid und als Hüftbund eine rote Kordel. Auf dem Kopf hat sie einen mit Kerzen geschmückten Kranz. Die Heilige hatte sich aus ihrem christlichen Glauben heraus zur Jungfräulichkeit entschieden und ihrem Verlobten daher einen Korb gegeben. Weil Männer auch zu dieser Zeit schon empfindlich waren und außerdem wieder einmal eine der - damals sehr populären - Christenverfolgungen anstand, wurde Lucia angeklagt. Der Richter ordnete die Zwangseinweisung in ein Bordell ein, eine damals übliche Form der Sicherungsverwahrung. Das mag die Sympathie der Schweden für sie erklären. Im Königreich ist Prostitution illegal, was den König in der Vergangenheit nicht gestört hat, und Geschlechtsverkehr ohne Verhütung gilt als Vergewaltigung, wenn der Partner nicht ausdrücklich eingewilligt hat, was einem früh ergrauten Freigeist des Internetzeitalters demnächst zur Verhängnis werden könnte. Die Heilige Lucia jedenfalls wollte, ganz schwedisch-emanzipatorisch, sich nicht verpuffen lassen und soll der Sage nach auch mit einem Ochsengespann und 1.000 Männern nicht ins Freudenhaus zu bringen gewesen sein. Daraufhin wurde sie an Ort und Stelle ermordet, was ihr das Martyrium und die daraus folgende Heiligsprechung einbrachte. Das Luciafest selbst geht vermutlich auf das Mittelalter zurück, wurde in ganz Schweden aber erst während des 19. und 20. Jahrhunderts populär. Man wählt lokale Lucias, wobei es dem Autor nicht bekannt ist, ob äußerliche Reize bei der Wahl eine Rolle spielen. In Schweden dürfte es aber ohnehin kein Problem sein eine schöne Frau zu finden. Aus feuerpolizeilichen Gründen - und weil kleine Mädchen mit brennenden Haaren eine schlechte Publicity geben - wird heute meist ein Kranz mit Elektrokerzen getragen. Um der Genderthematik auch einmal in die andere Richtung gerecht zu werden, gibt es mittlerweile auch Sternenbuben, was immer das auch heißen soll. Die Heilige Lucia selbst dürfte das wenig jucken. Sie hat im Himmel ihren Fixplatz als Heilige der Anwälte und der reuigen Prostituierten.
Wie passend...
14. Dezember - Die Dänen sind schuld

Die Geschichte kennt viele Verstrickungen und so auch diese: Dänemark ist für den Untergang der österreichischen Monarchie verantwortlich. Glauben Sie mir, das ist nicht völlig an den Haaren herbeigezogen! Höchstens ein bisschen... Der dänische König war nicht nur König von Dänemark, sondern auch Herzog von Schleswig, Holstein und Lauenburg. Nachdem Kaiser Franz II./I. das Heilige Römische Reich (der Zusatz „deutscher Nation“ ist ein historisch unkorrekter und später angefügter Nationalisierungspartikel) aufgelöst hatte und das Kaisertum Österreich gegründet hatte - eigentlich geschah letzteres zwei Jahre vorher, aber ich schreib den Satz jetzt nicht mehr um - wurde, nach Ende der napoleonischen Kriege, der Deutsche Bund gegründet. Da Schleswig, Hollstein und das andere Kaff schon zum HRH (=Heiliges Römisches Reich) gehört hatten, waren die nun auch beim Deutschen Bund dabei. Das war eine äußerst undemokratische Gesellschaft äußerst autokratischer Herrscher. Es gab einen Bundespräsidenten - den Kaiser von Österreich - und eine Bundesversammlung in der sich die Fürsten, Landgrafen, Herzöge, Kurfürsten, Großherzöge, Könige und der Kaiser gegenseitig lähmten. Besonders das aufstrebende Preußen trachtete seine Position gegenüber Österreich zu stärken. Man war sich selten einig, außer wenn es um die Teilung der eigenen Macht mit dem Volk - hiezu nein danke - ging, oder jemand von außen Ärger machen wollte. Das war der Fall, als der Dänische König 1863 Schleswig in den dänischen Gesamtstaat eingliederte. Das verstieß gegen einige Verträge und wurde nicht gerne gesehen. Die Preußen wollten Krieg und Otto von Bismarck brachte auch die Österreicher mit ins Boot. Gegen Holstein und damit indirekt gegen Dänemark wurde die Bundesexekution verhängt. Die Bundesexekution ist eine feine Sache: Macht in einem Bundesstaat - in diesem Fall in einem Staatenbund - ein Land Probleme, marschieren die anderen ein und ersticken den Aufstand im Keim. Das hatte man im Deutschen Bund bis dato nur dann praktiziert, wenn sich irgendwo die Demokratie auszubreiten erdreistete, jetzt ging es gegen Dänemark. Man stellte den Dänen ein 48-Stundenulitimatum zur Aufhebung ihrer Verfassung und der militärischen Räumung Schleswigs, was Dänemark ignorrierte. Preußen und Österreich wurden mit der Führung der Exekution beauftragt. Sie stellten aus ihren Armeen zwei Kontingente für das Bundesheer und marschierten am 1. Feber 1864 in Schleswig und Holstein und in das dritte Herzogtum auch noch ein. Die Geschichte endete für Dänemark in einem militärischen Debakel. Etwa 5.600 Dänen fielen, auf der Gegenseite betrugen die Verluste lediglich 2.200 Mann. Nach der Niederlage an den Düppeler Schanzen hatten die Dänen einen in London unterbreiteten Frieden - Teilung Schleswigs an der Sprachgrenze - abgelehnt, woraufhin der Krieg weiterging. Als eine Invasion der dänischen Inseln drohte, musste der Friede von Wien akzeptiert werden. Dänemark ging darin der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Dingsbums gänzlich verlustig. Ende Oktober 1864 war der Krieg damit vorbei. Preußen und Österreich verwalteten die Gebiete zunächst als Kondominium, das ist nichts unanständiges, sondern ein Gebiet, das von zwei Herrschern oder Staaten gemeinsam regiert wird. Natürlich stritten sich die beiden Sieger auch bald und so wurde die Beute aufgeteilt Schleswig und das andere Teil gingen an Preußen, Holstein an Österreich. Natürlich konnten die Preußen nicht genug bekommen. 1866 besetzten sie Holstein, was Auslöser für den Preußisch-Österreichischen Krieg und K...Kö... - verzeihen Sie mir, das Wort kommt mir nur schwer über die Finger - Königgrätz war. Das war der Anfang vom Ende der österreichischen Monarchie. Durch die Niederlage auch innerlich geschwächt, musste 1867 der Ausgleich mit Ungarn  geschlossen werden. Im Ersten Weltkrieg war Österreich-Ungarn dann nur noch der Sidekick des Deutschen Reiches und musste dessen militärischen Oberbefehl akzeptieren. Joseph Roth nannte es zurecht einen „historischen Irrtum“, dass wir mit den Deutschen im Feld zu stehen hatten. Und wer ist an all dem Schuld? Richtig: Die Dänen.
Die Geschichte gönnt uns zumindest diese späte Genugtuung: Wenn Sie auf eine Europäische Landkarte blicken, werden sie dort ein seither geschrupftes, aber immerhin noch ein Österreich finden. Von Preußen liest man nichts mehr. Den Dänen sei verziehen.

Austria Erit In Orbe Ultima.
15. Dezember - ABBA

10 Jahre lang, von '72 bis '82 schäffelten Björn Ulvaeus, Agnetha Fältskog, Anni-Fried Lyngstad und Benny Andersson ein Millionenvermögen indem Sie fehlerfreies Englisch sangen, was Skandinaviern ungemein leichter fällt als Deutschen oder gar Österreichern (oder wie Günther Oettinger es ausdrücken würde: „Se winner teiks it ohl“). ABBA steckten ihre Einnahmen in alleilei Firmen und besaßen unter anderem einen eigenen Ölkonzern. Das auch deshalb, weil sie für Auftritte im Ostblock mit Rohstoffen bezahlt wurden. Berühmt war die Band vor allem durch ihren Sieg beim Song Contest 1974 geworden, wo sie mit „Waterloo“ antraten. ABBA stiftete den Song „Chiquitita“ an UNICEF, die heute noch alle Rechte an dem Lied besitzt und die Tantiemen dafür erhält. Zur Hochzeit des schwedischen Königspaares sangen sie für Königin Silvia das Lied „Dancing Queen“. Die Songs der Band wurden beinahe ausschließlich von Björn Ulvaeus komponiert und getextet. Auf die Frage nach dem Erfolg so vieler seiner Lieder meinte er später einmal, er habe so viele Lieder weggeschmissen, dass er damit zwei mittelmäßige Bands über Wasser hätte halten können. An ABBA zerbrachen schließlich zwei Ehen. Ulvaeus und Fältskog waren, ebenso wie Lyngstad und Andersson verheiratete, trennten sich aber noch vor dem aus der Band. Letztendlich geriet auch das ABBA.Imperium durch diverse unseriöse Finanzgeschäfte ins schlingern, was den Mitgliedern Millionenverluste brachte. Finanziell profitierte das geschiedene Schwedenquartett dann vor allem vom ABBA-Revival in den 90ern und dem Hype rund um das Musikal „Mamma Mia“. Aus Anlass der Präsentation des dazugehörigen Films - sehr frauenlastig, aber doch irgendwie sehenswert - traten die Mitglieder nach über 20 Jahren wieder gemeinsam vor die Kameras. Ihr Verhältnis gilt aber immer noch als angespannt.Was blieb, sind viele Hits, die Kinder von ABBA-affinen Eltern bei langen Autofahrten ungefragt vorgesungen bekommen und ein Film, in dem Pierce Brosnan wieder der Natur seiner Stimmbänder aber tapfer zu singen versucht.

Thank You for the Music
16. Dezember - Skandinavien und die Sprache


Zwei Fenster [to vinduer] (nor.) 
in Trondheim
Dänisch, Norwegisch, Schwedisch, Färöisch und Isländisch sind germanische Sprachen, wobei die ersten drei besonders viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Oft ist es nur eine Frage der Schreibweise ob es sich um eine der drei Sprachen handelt: „Er ist“ heißt auf Dänisch und Norwegisch „Han er“, auf Schwedisch „Han är“. Norwegisch basiert auf dem Reichsdänischen „Riksmål“ und wurde diversen Norwegisierungen unterzogen. Norweger verstehen Schweden besser als Dänen, können dafür aber Dänisch besser lesen als Schwedisch. Insgesamt sind die Übereinstimmungen zwischen den drei Sprachen jedoch so groß, dass sich ihre Sprecher für gewöhnlich ohne größere Probleme unterhalten und verstehen können. Norwegisch weist die zusätzliche Besonderheit auf, dass es zwei Schriftsprachen besitzt, das  „Bokmål“ und das „Nynorsk“, also „Buchsprache“ und „Neunorwegisch“. Erstere basiert stärker auf dem Dänischen und wird von etwa 85% der Bevölkerung verwendet, letztere mehr auf einer Kodifizierung norwegischer Dialekte zu einer Einheitssprache. Vereinheitlichungsversuche und eine Zusammenführung beider Varietäten zu „Samnorsk“ wurden aufgrund des erheblichen Widerstandes in der Bevölkerung schließlich aufgegeben. Ein weiteres Beispiel für die Übereinstimmungen zeigt erneut die feine Differenz, die die drei Sprachen aufweisen: „Stille Nacht, heilige Nacht“ heißt wörtlich übersetzt: „Stille nat, hellige nat“ (Dänisch), „Stille natt, heilage natt“ (Nynorsk), „Stille natt, hellige natt“ (Bokmål) bzw. „Stilla natt, heliga natt“ (Schwedisch), aber nur im Schwedischen ist dies auch wirklich der Titel der Übersetzung, im Dänischen und Norwegischen heißt das Lied „Glade jul“, was übersetzt „Frohe Weihnachten“ heißt. Man merkt also: der Teufel liegt oft im Detail. Das gilt auch für die Schrift. Dänisch und Norwegisch kennen æ, ø und å, während im Schwedischen ä, ö und å verwendet werden. In den skandinavischen Sprachen lassen sich die Artikel als Partikel an ein Substantiv anhängen: „dagen“ heißt „der Tag“. Dänisch und Schwedisch kennen, wie grundsätzlich auch Bokmål nur männliche und sächliche Wörter, während Nynorsk auch weibliche kennt. Man hat jedoch, im Zuge der mittlerweile eingestellten Vereinheitlichung des Norwegischen, begonnen auch in Bokmål weibliche Wörter zu akzeptieren und in Nynorsk die Endungen von Bokmål einzuführen: „eine Straße“ hieß früher „ei gata“ (Nynorsk) und „en gate“ (Bokmål). Heute heißt es in beiden Versionen  „ei gate“. Durchs Schreiben kommen die Leute zusammen... Für einen Vorarlberger bieten die ostskandinavischen Sprachen gewisse Leichtigkeiten, die sich anderen nicht unmittelbar eröffnen, da auch der alemannische Dialekt gewisse Diphthonge des Hochdeutschen nicht kennt: „ein Haus“ heißt auf Vorarlbergerisch „a Hus“, auf Norwegisch und Dänisch „et hus“, auf schwedisch „ett hus“, wobei das „u“ im Skandinavischen hier wie häufig als „ü“ ausgesprochen wird. „Gehen“ heißt „gå“ (da., nor. swe.) und „lassen“ „la“ (nor.). Auch Englischkenntnisse sind beim Erlernen einer der drei Sprachen hilfreich. So lässt sich etwa leicht erraten, dass „syk“ (nor.) „krank“ bedeutet.
Kuriosum aus der Skandinavistik:
Der Ort Å auf den Lofoten
(wobei Lofoten eigentlich ein
maskulines Einzahlwort ist)
Die anderen beiden nordischen Sprachen Isländisch und Färöisch sind ungemein komplexer und können von Schweden, Dänen und Norwegern ohne Sprachkenntnisse nicht verstanden werden. Finnisch  wiederum gehört zu den finno-ugrischen sprachen und ist nahe mit dem Estnischen, entfernter mit dem Samischen und sehr entfernt mit dem Ungarischen verwandt. Das isländische Alphabet hat 32 Buchstaben wie zum Beispiel „Г, „Þ“ oder „Ý“, kennt dafür aber weder „C“noch „Q“, „W“ - wie bis vor kurzem übrigens auch das Schwedische - oder „Z“. Isländisch kennt acht Monophthonge (wie „a“ oder „e“) und fünf Diphthonge (wie „ei“ oder „eu“ im Deutschen). Es gibt vier Fälle, wobei auch die Zahlwörter von eins bis vier dekliniert werden. Mit der Sprache halten es die Isländer wie die Franzosen: Fremdsprachliche Einflüsse sind nicht erwünscht. Eine Sprachkommission wacht über das Isländische und erfindet für neue Begriffe Neologismen. Faröisch ist schriftsprachlich eng mit dem Isländischen verwandt, ähnelt in der Aussprache aber eher dem Norwegischen, besonders jenen Dialekten, auf denen das Nynorsk beruht, das noch wesentlich mehr altnordische Wörter tradiert hat als das danisierte Bokmål. Sowohl Färöisch, als auch Isländisch werden nur von wenigen Menschen Gesprochen. Ersteres hat zumindest 300.000 Muttersprachler, letzteres unter 100.000.
Ein Nødnøkkel, um ein norsk
vindu einzuschlagen.


Gemeinsam ist den skandinavischen Sprachen, dass ausschließlich geduzt wird. Das förmliche Sie wird nur noch für Mitglieder der Königshäuser verwendet und stirbt mittlerweile sogar in diesem Zusammenhang aus. Dazu einen nette Geschichte am Rande: Eine Norwegerin mit deutschem Ehemann erzählte mir am Flughafen ihre Geschwister hätten als Kinder einmal nach der Schule am Straßenrand Blumen gepflückt, als ein Mann daher kam, den die Schwester erkannt zu haben glaubte. Sie sprach ihn an und fragte „Bist du der König?“ „Ja.“ antwortete Olav V. und bekam daraufhin ihren Blumenstrauß geschenkt. Der Monarch hatte in der Stadt ein staatliches Gebäude zu eröffnen und war davor alleine spazieren gegangen. (Auf die Frage Henry Kissingers, warum er ohne Leibwächter ausgehe, soll Olav einmal geantwortet haben: „Ich habe vier Millionen Leibwächter.“ Was etwa der damaligen Bevölkerungszahl Norwegens entsprach.) Auf den offiziellen Fotos der Eröffnungsfeierlichkeiten sah man den leutseligen König schließlich immer mit einem Strauß Buschwindröschen in der Hand. Ich glaube das Duzen hat ihn nicht gestört.

Vorsicht vor zu viel Sprachvergleich. Fikk ist das Präteritum von få (bekommen, müssen, können). Übersetzt heißt diese Ankündigung eines Stücks am Theater von Stavanger in Norwegen etwa: Die kosmische Angst oder der Tag als Brad Pitt Paranoia bekam. (Künstlerischer In- und Gehalt dem Autor unbekannt).

17. Dezember - Das hymnische Skandinavien


Natürlich haben auch die Skandinavier Hymnen. Die Monarchien sogar zwei, Norwegen gar drei. Warum? Nunja, eigentlich ist „Sønner av Norge“ (Söhne von Norwegen) immer noch die offizielle norwegische Nationalhymne. Im laufe der Zeit hat sich aber „Ja vi elsker dette landet“ (Ja wir lieben dieses Land) durchgesetzt und wird auch bei allen offiziellen Anlässen und Länderspielen „Sønner av Norge“ vorgezogen. Wo bleibt die dritte Hymne? Nun ja, als Königreich braucht natürlich der König eine eigene Hymne. In Ländern wie Großbritannien ist die Königshymne auch gleichzeitig Nationalhymne. Wenn das nicht der Fall ist, sind Herrscherlieder sehr beliebt. Die norwegische Königshymne heißt „Kongesangen“, wird zur Melodie der britischen Hymne gesungen und fängt auch ähnlich an: „Gud sign vår konge god!“ (Gott segne unseren König gut!). In der Folge beschwört der Text die Einheit von Volk  in dem er an Gott appelliert: „knytt med din sterke hånd hellige troskapsbånd om folk og drott“ (knüpf mit deiner starken Hand ein heiliges Treueband um Volk und König). König Auch Schweden und Dänemark verfügen über royale Hymnen. Während die schwedische Hymne im Titel der norwegischen ähnelt, sie heißt „Kungssången“, heißt die dänische „Kong Christian stod ved højen mast“ (König Christian stand auf dem hohen Mast) und ist auch etwas blutrünstiger, was folgender Ausschnitt zu verdeutlichen vermag: „hans værge hamrede så fast, at gotens hjelm og hjerne brast.“ (Sein Schwer hämmerte so heftig, dass der Helm und das Hirn des Goten barst). Dahingegen klingt die dänische Nationalhymne geradezu unschuldig „Der er et yndigt land“ (Es gibt ein liebliches Land). Der Titel der schwedischen Hymne wiederum lässt im Deutschen mitunter Missverständnisse aufkommen: „Du gamla, du fria“ will das Land nicht als gammlig, sondern als alt bezeichnen. Man sieht, dass das Wort im Skandinavischen und im Deutschen eine andere Entwicklung gemacht hat. Die Finnische Hymne (Das Rechtschreibprogramm hat im letzten Augenblick verhindert, dass ich hier die letzten beiden Buchstaben vertausche) heißt „Maamme“ (Heimat) und teilt sich ihre Melodie im Übrigen mit jener Estlands. In Island singt man den „Lofsöngur“ (Lobgesang). Melodisch findet der Autor die isländische Hymne am gelungensten, gefolgt von jener Schwedens und Norwegens. 

„Ja, jag vill leva jag vill dö i Norden.“
- 
„Ja ich will leben, ich will sterben im Norden“ 

(Refrain der schwedischen Nationalhymne)
18. Dezember - Skandinavisches „Essen“


Die Skandinavier mögen kulturell hochstehende sozialstaatschaffende weltgewandte Menschen sein, aber man kann nicht alles können. Was sie nicht können ist kochen. Wer schon einmal in einem IKEA-Restaurant gegessen hat, weiß, dass dafür vor allem eines Spricht: Der Preis. Kein Volk würde auf die Idee kommen, so etwas ördinär-simples wie faschierte Fleischkugeln als „Köttbulla“ zum Nationalessen zu erheben. Wenn man sich durch die übrige skandinavische Küche kostet, bringt man aber langsam Verständnis dafür auf. „Köttbulla“ sind das schmackhafteste endemisch-skandinavische Gericht. Sollten Sie als finanziell normal situierter Mitteleuropäer einmal nach Norwegen kommen und sich Essen daher nicht leisten können, seien sie gewarnt: Finger weg von den ekelhaften 30 Kronen-Hotdogs, die in jedem 7-Eleven verkauft werden. Wenn Sie erst einmal fünf Tage davon gelebt haben, können Sie sie nicht mehr sehen. Ganz zu schweigen davon, dass diese Würstchen - deren Geschmack nach Analogschübling (für Ostösterreicher Knacker) erinnert - überhaupt nicht wie Würste aussehen, sondern wie etwas, das der Gedankenwelt des Romans 1984 entsprungen ist. Sie weisen keinerlei Krümmungen auf, sondern sind einfach lang, rund und mit ihrem armseligen Äußeren irgendwie pervers futuristisch. Das Brot schmeckt wie bei Mc Donald's: Weizenbasierte Watte. Natürlich werden Sie in keinem normalen skandinavischen Geschäft eine zivilisatorische Errungenschaft wie Schwarzbrot finden. Sie können schon von Glück reden, wenn Ihr Brot nicht gesüßt ist, was dort öfter vorkommt. Der Autor hat sich die Freiheit genommen Walfleisch von seiner Speisekarte zu streichen, weshalb er nur vom Hörensagen berichten kann, dass es äußerst tranig schmecken soll und daher stimmig in den nordischen Speiseplan passt. Natürlich finden Sie auch in keinem Laden eine Wursttheke, weshalb Sie nur abgepackte Produkte kaufen können. Auch wenn die Wurst zum Beispiel „Jubelsalami“ heißt, ist das doch stark übertrieben. Es schmeckt jedenfalls wie das was es vermutlich einmal war: Ein mit Tiermehl gemästetes ukrainisches Rind, das in einem polnischen Schlachthof durch die Hände eines drallen  und kettenrauchenden Metzgers namens František sein wenig rühmliches Ende gefunden hat. Kein Grund zum jubeln. Norwegisches Nationalgetränk ist, neben völlig überteuertem Alkohol - vorzugsweise das angeblich blind machende „Akvavit“ - und sündteurem Gletscherwasser, das sich die frisch geliftete Hausfrau von Welt von ihrer Zugehfrau aus dem Meinl vom Graben holen lassen kann, das Limonadegetränk „Solo“, das wie verdünntes Fanta schmeckt und wahrscheinlich auch so hergestellt wird. Die Finnen kennen zur totalen geschmacklichen Abtötung den so genannten „Terva Snapsi“, der nach verflüssigtem Speck mit Fichtenborkenextrakt schmeckt.
Die Liste skandinavischer Nationalgerichte ist wie jene der Getränke eine einzige kulinarische Todeszone. Die Norweger mögen „Fårikål“, bestehend aus Hammel mit Kohl und Mehl. Die Schweden wiederum essen gerne „Surströmming“, den durch Säuerung konservierten und nach Fäulnis riechenden Ostseehering aus der Dose. Zumindest im Bereich der Süßwaren kann ich zwei Empfehlungen aussprechen: „Ahlgrens Bilar“, nach Eigenaussage die meistverkauften Autos der Welt,  sind kleine Gummisüßigkeiten in Vehikelform. Besonders die saure Ausgabe lege ich jedem ans Herz. Außerdem sind die allerorten verkauften Zimtschnecken nicht allzu schlecht. Man sollte aber auf die Frische achten. Da Brot und Süßgebäck meist in Selbstbedienung angeboten werden, kann einem eine vertrocknete Zimtschnecke schon einmal den Tag verderben. 
Sollten Sie jetzt schon vom Festlandskandinavischen Essen nicht allzu begeistert sein, begeben Sie sich nie nach Island. Dort wird grundsätzlich nur verzehrt, was halb verwest und abgestanden ist, mit Ausnahme von Jopi Heesters natürlich. Der unangefochtene Gipfel kulinarischer Verfehlungen ist das isländische Gericht „Hákarl“. Es wird aus dem Fleisch des Eishais gewonnen, das eigentlich giftig ist. Der Eishai verfügt nämlich über keine Nieren und was fast alle anderen Spezies über ihren Harn ausscheiden, bleibt beim Eishai im Körper. Dementsprechend stinkt sein Fleisch wie die WC-Anlage beim Karlsplatz in Wien. Die Isländer hängen seine Überreste in den Seewind und lassen sie dort vor sich hin gammeln, bis das Ganze eine gummiartige Konsistenz erreicht hat. Sollten Sie sich einmal durchringen, halbverwestes Fischfleisch, das nach Urin schmeckt zu essen, haben Sie meinen Respekt. Sollte es Ihnen zusagen, sind Sie ein Fall für den Therapeuten.
19. Dezember - Ein neu-norwegisches Weihnachtslied

Das Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ ist etwas Besonderes. Während zum Beispiel „Stille Nacht“ wesentlich bekannter ist, aber dafür textlich offenbart, dass es für Bauern geschrieben wurde, vereint besagtes Lied eine einfache Melodie mit einem  eingängigen Text, der tiefsinnige theologische Anspielungen in sich birgt. Das Lied stammt aus dem 16. Jahrhundert.  Während weitere Dichtungen später hinzu kamen, sind die beiden ersten Strophen original:

Es ist ein Ros entsprungen
aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen,
von Jesse kam die Art
und hat ein Blümlein bracht
mitten im kalten Winter,
wohl zu der halben Nacht.

Das Röslein, das ich meine,
davon Jesaia sagt,
ist Maria die reine,
die uns das Blümlein bracht.
Aus Gottes ewgem Rat
hat sie ein Kind geboren
und blieb ein reine Magd.
 
Die Rose ist Maria. Jesse war der Vater Davids. Maria war - wie ihr Mann Josef - aus dem Haus und dem Geschlecht Davids und dem Stamm Juda, mit „aus Jesse kam die Art“ wird auf die familiäre Herkunft der Rose, also Marias, verwiesen. Mit Rose ist hierbei aber noch nicht die Blüte gemeint, sondern vielmehr der Rosenstock. Dieser wiederum bringt „ein Blümlein“, hervor: Jesus. Damit wird über das Bildnis der Rosenpflanze, der Stammbaum Christi erklärt: Jesse (die Wurzel/die Rosenart) - Maria (der Rosenstock/der Trieb) - Jesus (die Rosenblüte, als Sinnbild der Vollendung der biblischen Heilsgeschichte). Diese Aussage wird in der zweiten Strophe nochmals präzisiert.
Im Übrigen existiert auch eine protestantische Textversion, die später entstand und Maria einen weniger prominenten Platz einräumt. Hier ist Jesus selbst die Rose. Der Grund liegt in der protestantischen Grundskepsis gegenüber der ausufernden Marienverehrung. Schon Luther hatte über diese gesagt: „Darum, man ehre die Mutter Mariam, wie man wolle; allein man ehre sie nur nicht mit der Ehre, da man Christum mit ehren soll.“ Die katholische Version hingegen bleibt bei ihrer Grundaussage: Maria ist der Schoß, Jesus der Spross. Zusätzlich wird noch auf die jungfräuliche Geburt verwiesen: „und blieb ein reine Magd“. 
Ein wichtiges Element der christlichen Bibelauslegung ist die Verknüpfung von alttestamentarischen Aussagen mit neutestamentarischen Ereignissen. Damit soll die Erfüllung der Schrift durch die Geburt und das Wirken des christlichen Messias Jesus verdeutlicht werden. Es ist eine Form der Legitimitätserzeugung. So geht auch unser Lied vor, indem es auf einen Spruch des Propheten Jesaia aus dem alten Testament verweist. In Jes 11,1 heißt es nämlich: „Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, / ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.“ Mit der Darstellung Mariens als Rose („Reis“) und Jesu als deren Abkömmling („Frucht“) stellt das Lied also die Geburt Jesu als von Jesajia vorausgesagtes Ereignis dar.

Von unserem Lied existieren mehrere Formen in verschiedenen Sprachen. Durch den Prozess des „Zersingens“, gibt es auch etliche deutschsprachige Versionen in denen es etwa „Maria ist die reine“ oder „aus Jesse kam die Art“ heißt. Es gibt auch eine norwegische Textfassung, die in der Schriftspache Nynorsk gehalten ist, wobei die Sprache des Liedtextes auch hier veraltend ist:

Det hev ei rosa sprunge
ut av ei rot so grann.
Som fedrane hev sunge:
Av Jesse rot ho rann,
og var ein blome blid
midt i den kalde vinter
ved myrke midnattstid.

Anstatt „rosa“ wird heute meist „rose“ [Rose], an Stelle von „fedrane“, „fedrene“ [Väter] gesungen. „Myrke“ hat mehrheitlich für „mørke“ [dunkel, düster] Platz gemacht. So wie heute keiner mehr „sungen“ sagen würde, hat sich eben auch das Norwegische modernisiert. Hinzu kommt, dass Nynorsk, eine der beiden Varietäten des Norwegischen, der zweiten, nämlich Bokmål, immer mehr angepasst wurde. (Siehe hiezu den Eintrag vom 16. Dezember) Die norwegische Übersetzung des deutschen Originals ist überraschend präzise. Ins Deutsche zurückübertragen lautet der Text in etwa:

Es ist eine Rose entsprungen
heraus aus einer Wurzel so klein.
Wie die Väter sangen,
aus Jesse entfloss die Wurzel,
und es war eine Blume erblüht,
mitten in dem kalten Winter,
zur dunklen Mitternachtszeit.

Da die Norweger mehrheitlich Protestanten sind, geht auch die zweite Strophe, die ich Ihnen nun aber erspare, davon aus, dass Jesus selbst die Rose und nicht nur deren Blüte sei. Wenn sie nun gespannt sind, wie das Lied auf Norwegisch klingt, empfehle ich ihnen die Version der Sängerin Sissel - die heißt wirklich so - auf Youtube. Aber Vorsicht: Sissel kann Glas zum bersten bringen!
20. Dezember - Christian X. und die Deutschen

Christian X. Von Dänemark war  mit 1,99 m der wohl größte König seiner Zeit und regierte sein Land von 1912 bis 1947. In seine Amtszeit fiel also die Eingliederung Nordschleswigs in Dänemark und die Besetzung durch die Deutschen Truppen im Zuge der Operation Weserübung, der auch Norwegen zum Opfer fiel. Im Gegensatz zu den Norwegern hielten die Dänen es aber nicht für möglich oder auch nötig sich gegen die deutsche Besetzung zu wehren. Nach kurzen Gefechten wurde ein Besatzungsvertrag ausgearbeitet, während deutsche Bomber über den Unterzeichnungsort flogen. Weil Dänemark sich kooperativ gezeigt hatte, durfte es seine Regierung behalten und der König, der ältere Bruder Haakons VII. von Norwegen, musste, anders als dieser, nicht exiliren. Er zeigte sich jedoch immer wieder von seiner widerspenstigen Seite. So behielt er seine Gewohnheit bei, täglich mit dem Pferd auszureiten, wobei er von vielen Dänen als stummer Protest gegen die Besatzung begleitet wurde. Sogar ein populäres Lied mit dem Titel „Der rider en Konge“ - „Da reitet ein König“ wurde komponiert.
Der König zu Pferd
Als Hitler ihm in einem Telegramm mit überschwänglichen Worten zu seinem 72. Geburtstag gratulierte, antwortete der König nur lapidar nach Berlin: „Meinen besten Dank. Chr. Rex“ Hitler fühlte sich durch die kühle Antwort brüskiert, zog den deutschen Botschafter aus Dänemark ab und zwang den dänischen Botschafter in Berlin sowie den dänischen Ministerpräsidenten zum Rücktritt. Der Vorgang ging als Telegrammkrise in die Geschichte ein. Danach beschnitt man die Freiheit des Königs zunehmend. Er wurde de facto unter Hausarrest gestellt und durfte nicht mehr ausreiten. Um ihn ranken sich einige weitere Legenden aus der Besatzungszeit. So soll der König - und dies gilt weithin wirklich nur als Legende und wird eher seinem Finanzminister zugeschrieben - angedacht haben, dass auch er einen Judenstern tragen werde, wenn die Pflicht hierzu von den Deutschen eingeführt werde. Der überwiegende Teil der dänischen Juden wurde schließlich in einer Nachtundnebelaktion vor dem Zugriff der Deutschen bewahrt, indem man sie unter Mithilfe lokaler Fischer nach Schweden übersetzte. Auf die deutsche Forderung eine Hakenkreuzflagge auf Schloss Amalienborg zu hissen, soll Christian entgegnet haben, falls dies geschehe werde ein Dänischer Soldat diese wieder einholen. Auf die Antwort des deutschen Befehlshabers, dass dieser Soldat erschossen werden würde, habe er geantwortet: „Dieser Soldat werde ich sein.“ Es ist zumindest sicher, dass nie ein Hakenkreuz über Amalienborg wehte. Christian X. war ursprünglich eher unpopulär gewesen, da er sich - gegen seine Regierung, die Parlamentsmehrheit und eine anderslautende Volksabstimmung - für die Annexion ganz Schleswigs ausgesprochen hatte. Er war der letzte dänische Monarch, der - letztendlich erfolglos - versuchte seine konstitutionelle Rolle tatsächlich wahrzunehmen. Während der Besatzungszeit stieg sein Ansehen in der Bevölkerung jedenfalls in zuvor unbekannte Höhen. Er wurde zur einenden Symbolfigur des Landes. Als Christian X. König der Wenden, Goten und Dänen 1947 starb, wurde eine Armbinde des dänischen Widerstandes auf seinen Sarg gelegt.
21. Dezember - Die Schwedenhilfe

Kriege bringen so allerlei Unangenehmes mit sich. Weltkriege sollen da ja zu den schlimmsten gehören. Weil Österreich bei einem voll und ganz und beim anderen so ein bisschen dabei war, haben wir natürlich die geballte Ladung Kriegsfolgen abbekommen: Zerstörungen, Tote, Kriegsgefangene, Lebensmittelengpässe, Rationierungen, Hunger. Und weil Krieg meistens eine umfassende, oder wie ein bekannter Klumpfuß es ausgedrückt hätte, total ist, leiden da nicht nur die Schuldigen drunter, sondern auch alle anderen, zum Beispiel die Kinder. Nun sind Kinder wohl die Zielgruppe, die sich von der übrigen Menschheit noch am meisten Mitleid erwarten kann und deshalb stauben die in Krisenzeiten so richtig ab. Ob man jetzt plötzlich ein Herz für sie haben soll oder sie retten, irgend eine Masche zieht immer. Darauf sind sogar die geizigen Schweizer - nichts für ungut - hereingefallen und haben nach den Kriegen fleißig gespendet bzw. Kinder aufgenommen. Und auch die skandinavischen Länder ließen sich nicht lumpen. Wer einmal Hugo Portischs Buch „Österreich II.“ aufschlägt, kann dort eine Abbildung eines Plakates der sogeannten Schwedenhilfe finden. Die Überschrift lautet - soweit ich mich erinnere - „Hjälp Österrikes barn“ („Helft Österreichs Kindern“). Hungernde Kinder vor einer zerfetzten rot-weiß-roten Fahne machen sich immer gut als Spendenaufruf und die Schweden haben gespendet. Auch die Norweger haben ihre Herzen und - was noch wichtiger war - ihre Geldbörsen und Vorratskammern geöffnet. Unter dem Schlagwort „Redda Barnen“ („Rettet die Kinder“) lief die Hilfe nach dem Ersten Weltkrieg an und wurde auch nach dem Zweiten wiederaufgenommen. Der Schwede Arne Carlsson etwa verteilte Essensrationen an zehntausende Hungernde Wiener und wurde schließlich von einem sowjetischen Soldaten erschossen. Seine Landsfrau Elsa Brändström kümmerte sich im Ersten Weltkrieg in russischen Kriegsgefangenenlagern um die Soldaten und erhielt darob den Beinamen „Engel von Sibirien“. Aus Dank für die Hilfeleistungen, die sicher einigen das Leben gerettet haben, gibt es heute in Wien einen Schwedenplatz, einen Stockholmer Platz, eine Trondheimgasse und einen Osloplatz. Arne Carlsson hat einen Park bekommen, dort steht auch eine Statue Brändstöms.

Tusen tack för reddningen av Österrikes barn.
22. Dezember - Der Posterkönig von Schweden

Heute werden Sie das letzte Mal mit politischen Details gelangweilt - versprochen. Also lesen Sie im Gegenzug weiter und überspringen Sie den heutigen Eintrag nicht einfacht, wie Sie das früher schon gemacht haben (ich weiß alles):
Nachdem 1973 Gustav VI. Adolf gestorben war, trat trat 1974 eine lange vorbereitete Verfassungsreform endgültig in Kraft, die Schweden von der konstitutionellen zur parlamentarischen Monarchie machte. De facto sind heute fast alle europäischen Monarchien - der Vatikanstaat, Liechtenstein und Monaco bilden da gewisse Ausnahmen - parlamentarische Monarchien, Schweden ist es aber als einzige ex lege. Das heißt, während in den anderen Königreichen, wie auch Norwegen und Dänemark, der Monarch formal umfassende, aber nicht absolute, Rechte besitzt (konstitutionelle Monarchie), und diese bloß nicht ausübt (de facto parlamentarische Monarchie), hat der Schwedische Monarch diese Rechte nicht einmal formal. Das sieht man schon, wenn man sich die Präambeln zu diversen EU-Verträgen durchliest. Dort werden die hohen Vertragsparteien aufgezählt: Der König der Belgier, der österreichische Bundespräsident, die Königin von Dänemark etc. und die Regierung des Königreiches Schweden. Der König hat also nicht einmal zum Schein mehr eine staatsrechtliche Bedeutung. Die schwedische Verfassung ist sowieso möchtegern-republikanisch. Das Wort König selbst kommt nur sehr selten vor, stattdessen heißt der Monarch meist „Staatschef“. § 1 des fünften Kapitels der Verfassung legt das einzige Recht fest, das der König von Schweden noch besitzt:
„Der Staatschef wird vom Ministerpräsidenten über die Angelegenheiten des Reiches auf dem laufenden gehalten. Falls erforderlich, tritt die Regierung unter dem Vorsitz des Staatschefs zum Staatsrat zusammen.“
Solche Staatsratssitzungen sind lediglich symbolischer Natur. Der König ernennt weder die Regierung, noch schlägt er sie dem Parlament, dem Reichstag, auch nur zur Wahl vor. Er unterschreibt keine Gesetze und entsendet keine Botschafter. Er darf zwar noch Uniform tragen, ist aber nicht einmal mehr formell Oberkommandierender der Streitkräfte. Laut Verfassung muss er sich vor Auslandsreisen mit dem Ministerpräsidenten beraten. Als König Carl XVI. Gustav im Sultanat Brunei zu Gast war und den dortigen Potentaten lobte, tobte die schwedische Öffentlichkeit, ob des vermeintlichen Fauxpas des Staatschefs. Die Regierung zog es vor zu verschweigen, dass der Monarch sich nur an die Empfehlungen - also Anweisungen - des Außenministeriums gehalten hatte. So ein König kann also auch gut als politischer Fußabstreifer dienen, weil er sicher keine Pressekonferenz gibt und die Umstände aufklärt. Die schwedische Nicht-Fisch-nicht-Fleisch-Verfassung hat zumindest etwas Gutes: Sie hat den Politikwissenschaftern weltweit ein schönes Beispiel für eine parlamentarische Monarchie geliefert. Warum hat man die Monarchie aber nicht gleich abgeschafft? Ganz einfach: Die schwedischen Monarchen haben nicht viel falsch gemacht. Niemand wollte der ... sein, der die brave Königsfamilie, die bisher immer nur ihre Pflicht erfüllt hat, aus dem Schloss delogiert. Also hat man Schweden de facto in eine parlamentarische Republik verwandelt und statt eines Zierpräsidenten einen Posterkönig behalten. Der darf am Nationalfeiertag vom Balkon winken und den schwedischen Tourismus befördern. Der Vorteil dieser Lösung ist, dass der Monarch keine Probleme machen kann. Als Nachteil könnte sich in Krisenzeiten die fehlende „power in reserve“ erweisen. Ein schwedischer König könnte nicht wie der Norweger Haakon VII. handeln, wenn die Deutschen sein Land überfallen, was diesen ja immer noch zuzutrauen wäre. Und während Karl Theodor zu Guttenberg in Stockholm einmarschierte, stünde Carl Gustav von Schweden am Balkon und würde ihm zuwinken.
23. Dezember - Die spinnen die Finnen

Die Finnen [fin.: suomalaiset] sind ein Volk mit einer Sprache, die 15 Fälle hat und dessen Mythologie besagt, die Erde sei aus sieben Enteneiern entstanden. Finnisch kennt so schmucke Casi, wie den Allativ (Auf/Zu wem oder was?), den Inessiv (Worinnen?) und den Abessiv (Ohne wen/was?), aber keinen Dativ. Es gibt sechs Verbkonjugationen, aber kein Futur. Das längste Palindrom (ein Wort, das von vorne und hinten gleich gelesen werden kann, wie Otto oder Lagerregal) der Welt, soll  das finnische Wort für Seifensteinverkäufer sein: „saippuakivikauppias“.
Die Finnen leben angeblich schon 2.000 Jahre im hohen Norden und sind damit alteingesessener, als die germanischstämmigen skandinavischen Völker. Schon Tacitus sprach von einem nordischen Volk, das er „Fenni“ nannte. Auch wenn die Urfinnen glaubten, dass die Sonne ein Entendotter sei, so haben sie sich doch als recht zäh erwiesen. Immerhin haben sie ihre Sprache und Kultur nicht verloren, obwohl sie erst seit 1917 einen eigenen Staat besitzen und zuvor von Schweden und Russen regiert wurden. Weil besonders die Schweden  bekanntlich sehr penetrant sind, gibt es heute noch eine signifikante Minderheit derselben in Finnland. Die Finnen selbst haben zu ihnen aber keinerlei karantanische Allüren und sehen sie eher als Bereicherung denn als Bedrohung.
Die finnische Präsidentenflagge
Was man ihnen aber nachsagen kann, ist ein relativ indifferentes Verhältnis zum Hakenkreuz, das bis 1945 in blau ihre Flugzeuge zierte und sich noch heute in abgewandelter Form auf Orden und in der Präsidentenflagge findet. Natürlich ist das Hakenkreuz für die Finnen ein altes Symbol und hat nichts mit dem NS-Regime zu tun. Flau wird einem wohl trotzdem wenn man es wehen sieht. Die finnische Mythologie dreht sich in weiten Teilen um den sogenannten Sampo, einen Zaubergegenstand, der Wohlstand verbreitet - eine Lottodose vielleicht - und der vom Schmied Ilmarinen geschaffen wurde. Der Sampo wird schließlich der bösen Louhi geraubt, einer Art Heiratsschwindlerin in Stellvertretung, die ihre Tochter an Männer verspricht ohne sie herzugeben. Zusammen mit dem magischen Väinämöinen und dem ebenfalls um die heiße Hexentochter geprellten Lemminkäinen wird Ilmarinen nach dem Raub auf der Flucht von Louhi angegriffen. Dabei wird der Sampo zerstört und das Land durch seine ausströmende Magie fruchtbar gemacht.
Finnischer Leuchtturmbau und seine geopolitischen Folgen.

Die Finnen gelten auch unter den Skandinaviern als äußerst trinkfest. Mag sein, dass ihre alkoholische Schwäche dazu beigetragen hat, dass sie versehentlich auf der schwedischen Seite der geteilten Insel Märket einen Leuchtturm errichteten, was zu einer kuriosen Grenzbereinigung geführt hat. Ein beliebter Volkssport soll das „eukonkanto“ oder „akankanto“ sein, was übersetzt soviel wie „Frauentragen“ heißt und dergestalt aussieht, dass dabei ein Mann eine Teamkollegin durch einen Hindernisparcours trägt. Ob dafür das Machotum der Finnen oder die Lauffaulheit der Finninen verantwortlich ist, bleibt im Unklaren. Der Parcours besteht zum Teil aus einer Wasserroute, was aufgrund des finnischen Gewässerreichtums nicht gerade verwunderlich ist. Obwohl nur als See gilt, was über 500m² Wasseroberfläche hat, verfügt das Land immer noch über offiziell gezählte 187.888 Seen mit 98.050 Inseln, Meeresinseln nicht mitgezählt. Die Finnen haben's also gerne feucht: In der Kehle, im Landesinneren, in der Sauna und am Meer, über das eines Tages der sagenumwobene Väinämöinen mit einem Boot aus Kupfer zurückkehren soll. Bis dahin prost [fin.: kippis]!
24. Dezember - Heiligabend - Skandinavische Weihnachten

In den skandinavischen Ländern feiert man Weihnachten grundsätzlich sehr ähnlich wie bei uns: Menschen vergrößern ihren Leibesumfang mit diversem Süßgebäck und verlieren ihren Führerschein nach dem Genuss erwärmter Alkoholika. Weihnachten heißt auf Dänisch, Schwedisch und Norwegisch „Jul“, auf Isländisch und Färöisch „Jól“ und auf Finnisch „Joulu“. Die Bezeichnung stammt noch aus vorchristlicher Zeit und meinte ursprünglich das germanische Fest zur Wintersonnenwende. Nichtzuletzt deswegen versuchten die Nazis Weihnachten in ein  „Julfest“ umzuwandeln. Beim „Aufruhrversand“ - kein Scherz - kann man dazu passend „Julkarten“ kaufen auf denen „Vater Odin“ mit seinen Raben als Gabenbringer inszeniert wird. Das skandinavische Weihnachten ist dementgegen eher eine Antifaveranstaltung. Eine gewisse symbolische Rolle spielt höchstens noch der heidnische Julbock, den man aus Stroh bastelt und als Weihnachtsschmuck verwendet. In den meisten skandinavischen Ländern bringt der Weihnachtsmann - auf finnisch „Joulupukki“ genannt - die Geschenke, in Island erledigen das aber Weihnachtszwerge und zwar 13 Stück, vielleicht auch, damit man an Walt Disney keine Tantiemen zahlen muss. In Norwegen und Dänemark amtiert als Weihnachtsmannassistenz der sogenannte Julenissen, eine Art Weihnachtsheinzelmann. Weihnachtsbäume erfreuen sich auch in Skandinavien ausgesprochener Beliebtheit, wobei in Island - aus Gründen der enormen Baumknappheit - grün gestrichene Holzgerüste als Baumersatz herhalten müssen. Mittlerweile importiert man aber auch schon Weihnachtstannen vom Festland. In Dänemark sind in der Vorweihnachtszeit Kalenderkerzen beliebt, deren Abbrennen Tag für Tag die verbliebene Zeit bis zum 24. Dezember anzeigen soll. In Norwegen gehen die Kinder nach Weihnachten als Weihnachtsziegenbock verkleidet bei den Nachbarn Süßkram schnorren. Die Schweden schauen angeblich am Heiligabend kollektiv eine bestimmten Donald-Duck-Film im Fernsehen an. Gegessen wird insgesamt alles was schmeckt und fett macht. Man sieht, die Skandinavier sind uns nicht so unähnlich, wie man vielleicht manchmal meinen möchte. Sie trinken gern und viel und mögen Weihnachten. Vielleicht sind sie uns bildungstechnisch etwas überlegen. Sollten Sie also zu den 600.000 faktischen Analphabeten in Österreich gehören - und diesen Blogeintrag folgerichtig vorgelesen bekommen - genießen sie in Folge die Weihnachtsgeschichte die ich für Sie in einer faden Stunde in Windows Wingdings und Webdings zusammengestellt habe.

God jul! - Frohe Weihnachten!



Samstag, 20. November 2010

Die Vorarlberger II., oder: Die Geschichte eines unbekannten Volkes.

Nachdem der letzte Blogeintrag relativ gesehen der erfolgreichste war (über 1600 Hits in fünf Tagen) und ich auch bisher keine Gelegenheit für Effekthaschereien unterlassen habe, lege ich nun eine Fortsetzung nach. Da der letzte Beitrag recht lang ausgefallen ist, wollte ich ihn nicht noch überdimensionieren. Weil aber immer noch ein paar Geschichten in meinem Kopf herumgeistern, die mir erzählenswert scheinen, konzentrieren wir uns heute auf die vernachlässigte Historie der Vorarlberger, mit Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert.

Die Alemannen
Wo beginnt man mit der Geschichte eines Volkes? Keine Hebamme hat den Geburtstag Vorarlbergs festgehalten. Nie wurde entschieden „ab heute sind wir Vorarlberger“. Im Zusammenhang mit Vorarlberg wird aber viel von Alemannen/Alamannen gesprochen. Also beginnen wird bei ihnen.

Keiner weiß wer sie waren und niemand weiß woher sie kamen. So fangen mysteriöse Geschichten an, die der Alemannen ist eine solche. So um das 3 Jh. n.Ch. dürften sie wohl da gewesen sein, wo wir heute sind. Vielleicht waren sie Sueben, Elbgermanen, vielleicht aber auch nicht. Im Allgemeinen rechnet man sie den Westgoten zu. Sie waren die unmittelbaren germanischen Nachbarn der Romanen, die man heute Franzosen nennt, weshalb Deutschland im Französischen Allemagne heißt. Das war's dann auch schon.
Natürlich haben die Alemannen kein Niemandsland übernommen. Im heutigen Vorarlberg lebten Romanen, die zurückgedrängt bzw. assimiliert wurden. Sie haben uns eine ganze Reihe von Flurnamen hinterlassen (Piz Buin, Bregenz, Vandans, Batschuns, Tschagguns, Montafon etc.). Ihre Sprache verschwand aus Vorarlberg spätestens im 11. Jh.
Das Beste was uns die Alemannen hinterlassen haben, ist die Fasnacht [dr' Fasching]. Wenn's danach geht, hätten sie von mir aus an der Elbe bleiben können.

Das finstere Mittelalter
Die Geschichte des mittelalterlichen Vorarlberg en Detail aufzurollen, wäre sowohl zäh als auch zu umfangreich. Es sei erwähnt, dass die Mönche Gallus und Columban das Gebiet des heutigen Vorarlberg missionierten, dass es schließlich zu weiten Teilen an die Monforter, einer Seitenlinie der Pfalzgrafen von Tübingen, fiel und dann Stück für Stück mit allen Gerichten, Reichgrafschaften, Reichshöfen und Unabhängigen Herrschaften (zuletzt Blumenegg 1804) an die Habsburger ging.
In den Appenzellerkriegen wurde das Rheintal verwüstet. Die aufständischen Bauern und Bürger wurden am 13. Jänner 1408 bei Bregenz durch ein Ritterheer geschlagen. Es war die letzte echte Revolution, an der die Vorarlberger teilnahmen - noch bevor es sie eigentlich gab. Mittlerweile ist das Land so reaktionär, dass man meinen könnte, es fürchtet sich immer noch vor den Blechhanseln der Habsburger.

Die Montafoner schließlich verschafften sich Anfang des 15. Jh. ihr Wappen mit den Schlüsseln Petri, als sie Papst Johannes XXIII. mit seiner Sänfte aus dem Klostertal trugen, wo die Pest wütete. Wer bei Johannes XXIII. an den milde lächelnden Konzilspapst Angelo Roncalli denkt, hat sich aber geschnitten. Die Montafoner erhielten ihr Wappen von einem ehemaligen Piraten, der es bis zum Gegenpapst gebracht hatte, auf dem Konzil von Konstanz - wohin er reiste - aber abgesetzt wurde und daher von der katholischen Kirche nicht offiziell gezählt wird. Das stört die Montafoner - die als verstolen gelten - heute nicht im Mindesten und man sollte sich diesbezüglich auch nicht mit ihnen anlegen. Sie haben auch nicht gezögert mit der Landesregierung in Bregenz einen regelrechten Kleinkrieg  zu führen, als diese per Verordnung aus dem Montafon ein Montavon machen wollte.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde auch Vorarlberg arg in Mittleidenschaft gezogen. Bekannt ist  aus dieser Zeit die Sage vom Klushund, der den anrückenden Schweden für das goldene Kegelspiel im Hohenemser Schloss einen Schleichweg nach Bregenz preisgab und seither zur Strafe für seine sündhafte Tat im Rheintal als Geisterhund spuken muss. Der begegnet einem angeblich besonders in finsteren Nächten und vor allem dann, wenn man sternhagelvoll nach Hause torkelt. Heute sieht man Landesverrat etwas unprätentiöser und eher durch die Augen des Strafgesetzbuches, als durch den Katechismus. 
Eine andere Sage - wohl die einzige feministisch angehauchte des Landes - berichtet davon, dass die Frauen von Alberschwende den Bregenzerwald vor den Schweden gerettet hätten, weil sie von diesen wegen ihrer weißen Tracht für Engel gehalten wurden, als sie im Kriegsgeschrei und mit Heugabeln bewaffnet die Heimat und ihre feigen Ehemänner verteidigten. Ob die Schweden wirklich nur deshalb die Flucht ergriffen bleibt fraglich. [A wüaschts Wieb isch da beschte Zu ums Hus.] Es heißt auch, die Bregenzerwälderinnen hätten deshalb das Recht erhalten die Kirche an Sonntagen vor den Männern zu betreten. Heute sind die Wäldertrachten schwarz, warum weiß auch keiner. Auf die Gefahr hin, dass morgen eine Horde Wälderinnen vor meiner Tür steht: Vielleicht vom vielen Putzen?

Die Reformation
Was können wir eigentlich aus der Geschichte lernen? Mehr als nur das Offensichtliche? Dass Verfolgung und Völkermord keine erstrebenswerten Zustände sind, vermag jeder zu erfassen, der nicht Mitglied im kürzlich nach dem Verbotsgesetz aufgelösten Verein „Motoradfreunde Bodensee“ oder ein frustrierter Exlandesstatthalter ist.
Geschichte kann mehr, aber dabei oft nur Erklärungsversuche liefern. Ein Beispiel:
Warum gilt Vorarlberg als so viel konservativer als der Rest Österreichs?
Die Reformation hat Vorarlberg und Tirol nie wirklich erreicht. Sie waren immer katholisch, es sind die einzigen beiden Bundesländer die nie protestantisch waren. Von Salzburg ostwärts hat erst die Gegenreformation die Lutheraner hinweggefegt. Irgendwo scheint sich das im kollektiven Gedächtnis eingegraben zu haben. Man ist östlich von Tirol zwar katholisch, aber nicht ganz freiwillig. In Vorarlberg waren die Protestanten immer schon so gern gesehen wie später die Sozis.  Es gab bedeutende Anhänger der Reformation in Vorarlberg. Doch bevor ihr Glaube Tiefenwirkung erreichen konnte wurden sie verfolgt und mussten das Land verlassen. Otto Bismarcks Großmutter etwa, war eine vertriebene protestantische Feldkircherin. 
Als die Handvoll Lutherischen, die es hierzulande noch gab, nach den rechtlichen Möglichkeiten von 1861 eine Kirche errichten wollten, schickte das Land eine Abordnung zu Kaiser Franz Joseph nach Wien, um dies zu verhindern. Aber sogar die apostolische Majestät, der Kaiser und König, war liberaler als seine Vorarlberger Untertanen. Er lehnte das Gesuch ab.

Die Franzosenkriege - Vorarlberg wird Vorarlberg
Etwas standfester verteidigten sich die Vorarlberger in den Franzosenkriegen. Napoleons Truppen erreichten Feldkirch in den späten Märztagen des Jahres 1799. Die Landwehr setzte den Franzosen erheblichen Widerstand entgegen [net lug lå] und besiegte sie in der Schlacht am Margeretenkapf am 23. März. General André Masséna musste sich der Taktik der Verteidiger (Tür auf - rausschießen - Tür zu) geschlagen geben und zog sich schließlich zurück. Die Stadt fiel erst am 14. Juli 1800 im erneuten Ansturm der Grande Armée.

Da waren die Vorarlberger dann auch schon Vorarlberger. Der Begriff ist nur ca. 230 Jahre alt und - das wurmt so manchen Superalemannen sicher - eine Fremdschöpfung aus Wien. Zumindest nimmt er aber Bezug auf die Sichtweise der Habsburger und befindet sich daher von deren Stammburg im Aargau gesehen vor dem Arlbergpass. Im Übrigen gibt es gar keinen Arlberg, nur den Pass, was ich persönlich ziemlich dämlich finde. Der Pass wiederum hat seinen Namen von einem Latschengewächs, den Arlen (lat. arula, weshalb Vorarlberg neo-latinisiert auch Cisarulana heißt). Da sich Vorarlberg aber dann doch besser macht als Hintermlatschenpassland, wollen wir es so belassen

Nach Napoleons Willen gingen Vorarlberg und Tirol an das mit Frankreich verbündete Bayern. So unangenehm die Besatzung für die Franzosen in Tirol gewesen sein muss, die Vorarlberger saßen die Sache zunächst lieber aus. Nur 1809 versuchten sie die Bayern rauszuschmeißen, unterlagen aber und mussten sich fügen, bis sie nach der napoleonischen Niederlage 1814 wieder vom geliebten Wien aus verwaltet wurden.

Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit
Eine Hungerskatastrophe (1816-17) und ein paar Kriege später finden wir uns mitten im großen Völkergemetzel von 1914 bis 1918. Auch Vorarlberg hat tausende Soldaten am Isonzo, in Galizien und in der Bukowina für „Gott, Kaiser und Vaterland“ verloren. Als der Krieg schließlich vorbei war und der Kaiser das Land verlassen musste, empfing ihn am Bahnhof Feldkirch eine laternisierte Strohpuppe [ufghängt honses] in K&K Uniform. Ob sich Eximperator Karl auch durch diese liebevolle Abschiedsgeste einiger sozialdemokratischer Eisenbahner zu seinem Feldkircher Manifest veranlasst sah, ist nicht überliefert. Jedenfalls verteufelte er darin die neue Staatsregierung und verließ Österreich in Richtung Schweiz. Das Kapitel Monarchie war damit auch für Vorarlberg beendet. Der Kaiser sah Österreich nie wieder.

Die eher ungloriösen Anschlussbestrebungen Vorarlbergs an die Schweiz habe ich hier schon einmal behandelt (Vorarlberg zur Schweiz? Oder: Kein Anschluss unter dieser Nummer). Dass sie nicht erfolgreich waren, sehen alle Vorarlberger heute in ihrem Pass. Dass es diesbezüglich immer noch ein paar Nostalgiker gibt, halte ich für unangebracht. Nach herkömmlicher Ansicht ist Nostalgie keine Vorarlberger Wesensart, weil nicht gewinnbringend.

Dass in der Zwischenkriegszeit die Christlichsozialen [d' Schwarza] das politische Vorarlberg dominierten wird niemanden überraschen. Jodok Fink (Bauer aus Andelsbuch und Vizekanzler) und Otto Ender (Landeshauptmann, Bundeskanzler und Experte für Verfassungsautokratie) sind immer noch Ikonen des Vorarlberger Konservativismus. Katholischer als der Papst und schwärzer als die Nacht gehörten auch der Antijudaismus [Hass uf d'Religion] bzw. Antisemitismus [Hass uf s'Volk] zu den Überzeugungen der Vorarlberger Christpolitiker:

Ender, Autor der austrofaschistischen Verfassung


„Der Jude wird nie ein Deutscher […]. Er ist und bleibt eben Jude und sollte von rechtswegen Bürger nur sein in Jerusalem.“ Otto Ender




Die Ausschaltung von Demokratie und Verfassungsstaat durch den Austrofaschismus juckte in Vorarlberg nur die Wenigsten. Aufgrund des akuten Mangels an Sozialdemokraten [d' Rota] musste man nicht einmal den Ausnahmezustand verhängen.

Die NS-Zeit
Die Nazis [d' Arschköpf] unterwanderten daraufhin auch in Vorarlberg die austrofaschistische Sammelbewegung „Vaterländische Front“. Das braunste Nest war Dornbirn. Die dort ansässigen Textilunternehmer sahen im Deutschen Reich einen enormen Absatzmarkt und förderten dementsprechend die illegalen Nazis. Nach dem Krieg wurden sie besonders weich entnazifiziert und blieben in Amt und Funktion. Dass die Dornbirner Messe nach dem Krieg in Dornbirn und nicht in Feldkirch angesiedelt wurde, ist etwa das Ergebnis alter brauner Seilschaften.

Für das Land kam mit dem Anschluss das Ende jeder Selbständigkeit. Vorarlberg wurde an Tirol angegliedert. Von den jüdischen Vorarlbergern überlebten die Nazizeit nur wenige.
Die Behörden des Ständestaates hatten bereits 1936 begonnen Listen anzufertigen die Personen nach dem Muster der Nürnberger Rassegesetze als Juden auswiesen. Eine solche Liste für die Einwohner von Bregenz wurde daraufhin der NS-Zeitung „Tagblatt“ zugespielt und von dieser mit der Forderung nach einer „Lösung der Judenfrage“ veröffentlicht. Im Kleinen Walsertal, das deutsches Zollanschlussgebiet war, war bereits 1937 jüdischen Personen von Gastwirten und Behörden der Aufenthalt verwehrt worden. Zum Zeitpunkt des Anschlusses zählte die jüdische Gemeinde von Hohenems 27 Mitglieder. Insgesamt wurden 1938 in Vorarlberg 104 Personen als Juden oder „Mischlinge“ eingestuft. Manche von ihnen wurden nach dem Anschluss sofort enteignet und deportiert, andere zunächst sukzessive aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen oder nach Wien zwangsumgesiedelt. Dadurch wurde Vorarlberg 1943 als „judenfrei“ erklärt. Als erster jüdischer Vorarlberger starb Alois Weil aus Hohenems noch 1938 in Dachau. Der Tod von 15 jüdischen Vorarlbergern gilt als geklärt, der Verbleib etlicher anderer ist bis heute unklar.

Nachdem die überlebenden Mitglieder der Kultusgemeinde in Hohenems auch nach 1945 wiederholt antisemitischen Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt waren, 1949 wurden Scheiben von jüdischen Häusern eingeschlagen und die Vorarlberger Nachrichten veröffentlichten antisemitische Artikel, verließen 1954 die letzte jüdischen Bewohner Hohenems. Ein Herr Egger [dr' klenne Emser mitam manischa Lächla] spielt mit seinen Sprüchen auf einer alten Vorarlberger Geige.

Als der Krieg schließlich nach Vorarlberg kam, wurde es nicht verschont [Håsch wealla, schleacksch d' Kella]. Feldkirch wurde am 1. Oktober 1943 bombardiert, weil Augsburg nicht angeflogen werden konnte und man Lazarette und Schulen für Kasernen hielt. Etwa 200 Menschen verloren ihr Leben. An der Front fielen etwa 8.000 Vorarlberger oder blieben verschollen. In den letzten Kriegstagen rückten die Franzosen aus dem Gebiet des heutigen Baden-Württemberg kommend in Richtung Vorarlberg vor. Für Bregenz war der Versuch gescheitert es zur offenen Stadt zu erklären, da es einen Durchzugspunkt zum Arlberg bildete und der zuständige Generalfeldmarschall Kesselring sich weigerte diesen räumen zu lassen. Daher wurde die Stadt am Abend des 30. April 1945 von französischen Einheiten unter Beschuss genommen. Dieser wurde am darauffolgenden Tag durch Tiefflieger fortgesetzt. Durch den Beschuss von Bregenz wurden zwei Zivilpersonen getötet sowie 72 Häuser zerstört und dadurch 700 Menschen obdachlos. Bregenz verdankt diesem Beschuss den wunderschönen Parkplatz am Seeareal. Die Franzosen wurden schließlich von Bregenzer Bürgern über Schleichwege in die Stadt geführt und vertrieben die dort verbliebenen deutschen Verbände. Ich bin mir relativ sicher, dass von diesen Bregenzern keiner als Klushund streunen muss.
Wehrmacht und SS zogen sich infolge unter kleineren Scharmützeln bis zum 6. Mai zum Arlberg zurück, den die meisten schließlich überquerten und sich den Amerikanern ergaben.

Voralberg und das braune Gedankengut
Nach dem Krieg wurden in Vorarlberg etwa 20.000 ehemalige Nazis registriert, das waren damals ca. 9% der Landesbevölkerung. Die Entnazifizierung der französischen Besatzung galt als die sanfteste. So mancher Vorarlberger profitierte davon und machte weiterhin Karriere. Ein Beispiel hierfür ist die Laufbahn des Dornbirner Industriellen Rudolf Hämmerle, der zwar einerseits Stadtrat der „Vaterländischen Front“, andererseits aber auch Unterstützer der illegalen Nationalsozialisten gewesen war. Von 1939 bis 1945 saß er für die NSDAP als „Ratsherr“ erneut im Dornbirner Rathaus, war dort ab 1950 wieder Gemeindevertreter für die Österreichische Volkspartei (ÖVP) und saß von 1962 bis 1970 für diese im österreichischen Nationalrat. 

Die Landeseigene Geschichtsschreibung machte sich sofort daran das Geschehene zu relativieren. Die Vorarlberger NSDAP-Mitglieder wurden zu „guten Nazis“ umfunktioniert. Die Tatsache, dass Vorarlberg beim Anschlussplebiszit 1938 mit „nur“ 98, 1% die schlechteste Zustimmungsquote aller Bundesländer hatte, wurde als Beweis der alemannischen Zurückhaltung hochstilisiert. Die Bösen waren die anderen. Benedikt Bilgeri etwa schrieb in seinem Band „Geschichte Vorarlbergs V.“:
„Es ist aber durch Erfahrung erwiesen, daß dem Vorarlberger, seiner Art entsprechend, Gewalt wesentlich weniger liegt als vielen Deutschen und Österreichern. […] Die hysterische Hitler-Raserei der Ostmärker nach dem 13. März 1938 (,stolz sein ein Deutscher zu sein‘ bei jeder Gelegenheit) machte selbst die deutschen Parteigenossen betroffen, für den Vorarlberger war sie abstoßend. […] Ohne jeden Zweifel war es die geschlagene, zum Schweigen gezwungene Mehrheit, die sich an diesen Tagen in den Häusern versteckte oder nach Möglichkeit in Ried und Wald verschwand. Wehrlos aber gefaßt, erwarteten sie die hinterhältigen Überfälle der SS[…].“
Sollte jemandem von den Vorarlbergern jetzt statt Schamesröte ein Heiligenschein wachsen, lege ich ihm beflissentlich den historischen Schundroman Elmar Grabherrs ans Herzen (Grabherr, Elmar: „Vorarlberger Geschichte“, Bregenz: E. Ruß & Co. 1986.). Grabherr war wie Hämmerle ein Mustervorarlberger seiner Zeit. Er arbeitete für die Christlichsozialen, die Austrofaschisten, die Nazis und die ÖVP. Grabherr wechselte kurz vor Kriegsende zum „Widerstand“, war Sekretär des provisorischen Landesausschusses und schließlich als Landesamtsdirektor der oberste Landesbeamte Vorarlbergs. Grabherr war gefürchtet. Als einen der fachlich fähigsten Beamten seiner Zeit wollte man ihn nicht gegen sich haben. Seine Geschichtsklitterung veröffentlichte er 1986 nach seiner Pensionierung. Er war ein Anhänger des Panalemannismus [alle Alemanna in oan Staat] und sah die übrigen Österreicher mehr oder minder als Untermenschen. Dass er dieses Denken während der NS-Zeit noch in ganz andere Bahnen gelenkt hatte, verschwieg Grabherr später lieber:
„Es ist auch nicht mehr als recht, dass endlich auch mit den Juden abgefahren wird, die mit Ariern verheiratet sind, und deshalb bisher geschont wurden, denn es entspricht dem gesunden Volksempfinden, dass für die von den jüdischen Führern in Moskau, London und Washington gegen unsere Krankenhäuser und Wohnviertel begangenen Gräuel unsere Juden zur gesamten Hand haften. Dass es dabei im Einzelfall harte Szenen geben musste, ließ sich nicht vermeiden. Wo gehobelt wird, fallen schließlich Späne.“
Grabherrs Evolutionslehre in einer Karikatur von Dieter Zehentmayr
Zu Grabherr gibt es mittlerweile eine Biographie, die recht fundiert sein dürfte. Was man dort vermutlich nicht findet, ist eine pikante Nebengeschichte. Ich erzähle sie weniger aus Tratschsucht, als aus dem Wunsch die Verlogenheit seiner Zeit aufzuzeigen: Elmar Grabherr war schwul [håt gschwizerlat]. Wie das mit solchen Dingen ist, weiß es jeder, nur halt nicht offiziell. Selbst Landeshauptmann Ilg wusste es. Ilg war Bauer und verließ sich in juristischen Dingen blind auf Grabherr [håt sich seal ned uskennt]. Ilg war aber auch Konservativer und konnte einen unverheirateten Landesamtsdirektor nicht dulden. Man suchte daher für Grabherr eine alte Jungfer, die man sonst nicht mehr angebracht hätte [an wüaschta Schmealg]. Es wurde geheiratet, der Landeshauptmann war zufrieden. Grabherr und seine Frau lebten in getrennten Wohnungen, dem öffentlichen Bedürfnis nach dem schönen Schein war Genüge getan.






  LH Ilg [mit Bärtle, isch abr koan Nazi gsi. Nur hüråta hot ma müassa.] 

Waren die Vorarlberger nun bessere oder schlimmere Nazis? Sie waren die gleichen Nazis wie die anderen auch. Josef Vallaster aus Silbertal tötete als SS-Angehöriger in Hartheim und Sobibòr. Vorarlberger haben auf verschiedene Weise Schuld auf sich geladen. Man darf aber nicht vergessen, dass auch die Vorarlberger Juden Vorarlberger waren, ebenso wie Provikar Karl Lampert, den die Nazis als ranghöchsten katholischen Geistlichen ins KZ steckten und ermordeten. Vorarlberg war in Sachen Nationalsozialismus wie Restösterreich ein Land von Verrätern und Verratenen. Nicht mehr, nicht weniger.

Die weitere Nachkriegsgeschichte
Nach dem Krieg beschränkte sich die Vorarlberger Landesgeschichte hauptsächlich auf die Auswüchse des Kampagnenjournalismus der Vorarlberger Nachrichten. Protest gegen das Atomkraftwerk Rüthi, Protest gegen das Bodenseeschiff Karl Renner, Protest gegen Wien mit Pro Vorarlberg. Die Bilanz war durchwachsen: Das Atomkraftwerk in Rüthi wurde nicht gebaut, wohl weniger wegen der anhaltenden Gegenstimmen aus Vorarlberg, als wegen der Antipathie der lokalen Schweizer Bevölkerung. Das Bodenseeschiff heißt heute Vorarlberg, weil die VN es vermochten ein Zehntel der Vorarlberger in die Werft nach Fußach zu beordern, um Verkehrsminister Probst mit Tomaten und tollen Slogans („Obst für Probst“) zu erwarten. Karl Renner war als sozialdemokratischer Ostösterreicher praktisch die verkörperte Nemesis des konservativen Durchschnittsvorarlbergers. Ein Bodenseeschiff nach ihm zu benennen war daher ein mehrfaches „no go“ [gåt ned] (siehe hiezu auch obig erwähnten Artikel). Auch die Sache mit Pro Vorarlberg ging mehr oder minder in die Hose. Wien lehnte Verhandlungen über eine erweiterte Autonomie für Vorarlberg schlichtweg ab. Als Volk, das gerade einmal 4,4% der Gesamtstaatsbevölkerung ausmacht, hat man auch keine sonderlich starke Verhandlungsposition.

Wo steht Vorarlberg heute? Da wo es immer war. Zwischen Rhein und Arlbergpass, zwischen Piz Buin und Bodensee. Wenn Konservativismus und Reaktion einen positiven Nebeneffekt haben, dann ist es Beständigkeit. Auf Vorarlberg ist verlass, im Positiven wie im Negativen. Das beruhigt die Nerven ungemein.

Montag, 15. November 2010

Die Vorarlberger, oder: Das unbekannte Volk.

Oğuz "Mike" Galeli ist der Sohn türkischer Einwanderer. Er sitzt bei Stermann und Grissemann im Studio von "Willkommen Österreich" und erzählt von seiner Film- und Fernsehkarriere in der Türkei. Hin und wieder holpert sein Hochdeutsch, manchmal fehlen ihm die richtigen Vokabeln. Kein Wunder: Galeli ist Vorarlberger.

Vorarlbergerisch als einheitliche Sprache gibt es dabei eigentlich ebenso wenig, wie es Deutsch [Dütsch] gibt. Jeder spricht es anders. Oft findet man schon über dem nächsten Hügel, im nächsten Dorf wieder einen anderen Dialekt. Heißen Mädchen hier Moatla, heißen sie dort Schmealga und anderswo Meigena. Mike Galeli etwa lebt in Feldkirch, aber wenn er spricht hört man genau, dass er aus dem Unterland stammt.

Sie werden also nie Vorarlbergerisch als Idiom [Språch] lernen können, außer der Landtag [d' Politkr z' Breagaz] beschließt eines Tages die Erhebung zur eigenständigen Schriftsprache. Manche Varianten (wie Oberländerisch) können für Sie - als Nichtvorarlberger [Frönde] - durchaus verständlich werden, während Sie von anderen (Lustenauerisch, Wälderisch) besser gleich die Finger [d' Griffl] lassen sollten. Ein Satz der in Feldkirch noch "Geschtan håt mi Moatle min Tschoper am Klo mit nara Sicherheitsnådl gflickt." heißt, kommt im Bregenzerwald mitunter als "Hinat håt min Schmealg min Tschopar am Löüble mit nar Gulfo gflickt." Wenn Sie beim ersten Versuch folgendes verstanden haben: "Gestern hat mein Mädchen meine Jacke am Klo mit einer Sicherheitsnadel geflickt." sind Sie gut, sollten sie auch zweiteres verstehen, sind Sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit selbst Wälder. Die genießen spätestens seit "Vo Mello bis ge Schoppornou" den Pathos des Unverständlichen. Ähnliches haben auch die Lustenauer, zumindest auf lokaler Ebene, und auf eher ausfallende Weise erreicht: Ende. Riedmann.

Wenn Sie als Ostösterreicher (meine Wortschöpfung "Össi" will und will sich nicht einbürgern) einen Vorarlberger mit einem Landsmann sprechen [schwätza] hören und ihn verstehen, dann sind Sie Philologe oder er ein schlechter Vorarlberger. Glauben Sie bitte bloß nicht, dass Sie ein Genie sind, wenn ein Vorarlberger mit Ihnen spricht und Sie ansatzweise mitbekommen, was er Ihnen sagen will. Nur weil man eine Nerzträgerin, die man in Wien wohl großkopfert nennen würde, Sätze wie "...und dann hab' ich zu ihm g'sagt, dass er heut' kein Küchle mehr kriegt, weil er sonst wieder Bauchweh hat, wie er's schon beim letzten Mal g'habt g'habt hat." sagen hört, heißt das nicht, dass Sie sich jetzt als Völkerversteher sehen dürfen, sondern nur, dass Sie soeben einer gestopften Oberschichtlerin [a gealdigs Wieb] von jenseits des Arlbergs [vu vorm Arlberg] begegnet sind. Kommt sie aus dem Unterland (Rheintalgebiet nördlich des Kummenbergs) spricht sie Bödeledütsch, ist sie Oberländerin (aus dem Rheintal südlich des Kummenbergs) redet sie Ganahldütsch. Klingen tut das genau gleich beschissen, aber die Herkunft der Bezeichnungen ist unterschiedlich:

Das Bödele ist ein Berg bei Dornbirn, auf dem man neben heidelbeerenpflücken auch schifahren kann und das einen Namen hat, der so Vorarlbergerisch ist, dass selbst die Herrn Geodäten [ d' Landvrmeasser] aus Wien wohl keinen germanisierenden Namen dafür fanden und so wurde aus dem Bödele kein Lauterach [Lutrach] und kein Satteins [Sattaas]. Auf eben dieser Erhebung haben sich in alten Tagen etliche G'stopfte ihre Residenzen errichtet und weil es in dieser Zeit modern war, nicht wie der Rest der Leute zu sprechen, bemühte man sich nach Möglichkeit sich auf Hochdeutsch zu unterhalten. Ergebnis war das Bödeledeutsch.

Ähnliche Probleme hatte die Familie Ganahl, eine der größten Unternehmerfamilien des Landes, die in Feldkirch eine Textilfabrik betrieben. Man wollte sich als reiche Sippschaft nicht mit den weniger begüterten Leuten [d' Lüt] rundherum verheiraten [hüråta], also suchte man für die Söhne in der Ferne und fand ein paar  Damen, die mit dem lokalen Sprachkolorit so gar nicht zurechtkamen. Man einigte sich familienintern auf Ganahldeutsch, das auch bei der restlichen Möchtegernoberschicht bald Anklang fand.
So ist es g'wesen und deshalb wird heut' bei den Leut', die was ein bisserle ein Geld haben oder früher mal eins g'habt haben, so geschwetzt...

Wenn aber ein Vorarlberger mit einem Wiener spricht, fällt ihm oft nichts anderes als Ganahl-/Bödeledütsch ein. Das heißt noch nicht automatisch, dass er sich zu den "Besseren" zählt. Auf die Moderatorenfrage, ob es einen türkisch-vorarlbergerischen Soziolekt gebe, rutscht Mike Galeli sinngemäß der Vorarlbergerische Satz "Na, gits ned." heraus. Man merkt, dass Galeli zu Hause nicht das gequälte Bödeledütsch spricht, in dem er heute parlieren muss. Fassen Sie diese Sprachmutante also bloß nicht als Dialekt auf. Es ist oft die bloße Unfähigkeit österreichisches oder sonst irgendein Hochdeutsch zu sprechen. Diese manifestiert sich etwa darin, dass an so manchem Vorarlberger Gericht auf Dialekt verhandelt werden muss, oder dass mancher Vorarlberger in Deutschland auf Englisch bedient wird, obwohl er in seinem feinsten Deutsch bestellt hat.
Dennoch sind wir kein Haufen sprachbehinderter Talbewohner. Und auch wenn es die A1-Werbung behauptet: Wir reden nicht alle soooooo unverständlich.

In ihrer Unfähigkeit verwechseln jedoch manche Ostösterreicher Vorarlberger mit Schweizern [d' Schwizr], was einen mittelgroßen Fauxpas darstellt. Die Vorarlberger sind nämlich - entgegen anderslautender Stereotype - nicht nur gut auf die Schweizer zu sprechen. Nicht umsonst heißt schwizerla übersetzt sich homosexuell betätigen. Vorarlbergerisch hat einen völlig anderen Sprachfluss als das Scheizerische, es ist weniger abgehackt-hektisch, Verniedlichungen werden nicht auf -li, sondern auf -le gebildet und Vorarlberger sprechen K-Laute nicht mit ch aus. Es heißt also Hüsle nicht Hüsli [Häuschen] und Kuchekaschta nicht Chuchechaschte [Küchenkasten]. Schreiben Sie sich's hinter die Ohren!

Natürlich kann der sprachliche Unterschied mitunter auch zu steil aufgestellten Augenbrauen [ufgschtellte Ogabrua] führen. Daher seien Ihnen einige potentielle Missverständnisse hiermit erleutert: Was Vorhut in Vorarlberg bedeutet, hängt davon ab, ob man das u lang (dann wie im Deutschen) oder kurz betont (dann im Deutschen durch au ersetzten), wenn ein Vorarlberg schoa sagt, meint er nicht den Holocaust, sondern will sich etwas ansehen [schauen], tür kann sowohl Türe, als auch teuer bedeuten, mir heißt wir, ma heißt mir, schießen heißt schüßa aber schießa bedeutet defäkieren und wenn Vorarlberger bei Erzählungen an jeden Satz ein odr anhängen, ist das eine rethorische Affirmationsaufforderung, Sie müssen nicht wirklich mit ja oder nein antworten. Außerdem neigt der Vorarlberger dazu Hilfszeitwörter und Personalpronomen an Substantive anzuhängen bezw. verkürzt voranzustellen. Håschd heißt also schon hast du/du hast. Der bestimmte weibliche Artikel wird auf d' verkürzt (z.B.: d' Wiebr = die Damen), der sächliche reduziert sich auf s' (s' Gsindl = die Nichtvorarlberger). Nur der männliche bestimmte Artikel - sie merken schon, Vorarlbergerisch ist eine sympathische Sprache - hat es verdient zwei Buchstaben zu tragen (da/dr Ma = die Krone der Schöpfung).

Vorarlberger trennt aber nicht nur die Sprache scheinbar vom Rest Österreichs. Sie sind auch charakterlich verschieden. Auch wenn sie es nie zugeben würden, die Nichtbeachtung, mit der sie der Großteil der Österreicher straft, schmerzt sie schon ein bisschen. Vom Standpunkt der Restösterreicher aus ist das Ländle vorm Berg wahrscheinlich das am wenigsten besuchte Bundesland. Jeder hat es schon mal nach Tirol geschafft, aber so mancher Wiener kennt Vorarlberg - wenn überhaupt - nur von der Durchfahrt in Richtung Schweiz. Geben Sie sich also einen Ruck und besuchen sie uns. Wir sind zwar laut einer jüngst veröffentlichten Studie das am wenigsten lächelnde Völkchen Österreichs, aber wenn sie ein paar Doppler mitbringen, kann sich das schnell ändern. Gut, wir sind etwas unterkühlt, aber lassen Sie sich auch nicht von Tatsachen ablenken. Dass man auf Vorarlbergerisch nicht ich liebe dich sagen kann (i ha di gerra bzw. i mag di ist das höchste der Gefühle), ist zwar weniger auf sprachliche, sondern als vielmehr auf kollektivcharakterliche Ursachen zurückzuführen, aber wir sind keine Kostverächter. Zugegeben, grundsätzlich sind Vorarlberger nicht sonderlich emotionell. Sollten Sie bei mir einen gewissen Unterschied feststellen, schieben Sie's getrost auf meine steirische Hälfte. 
Schon der - jüngst im ORF gezeigte - Dialog eines Lustenauer Enkels mit seinem Großvater spricht dazu Bände: 

"Opa, was hoaßt [heißt] etz [jetzt] 'Ich liebe dich' uf [auf] Vorarlbergerisch?"
"I mag di.[Ich mag dich.]"
"Jo [Ja], isch [ist] des [das] ned [nicht] a kle [ein bisschen] wenig?"
"Na, es langt. [Nein, das genügt.]"

Wir sind aber sicher kein liebloses Volk, wir sind nur keine Amore-amore-Italiener und keine Na-wie-schau-ma-aus-Hasi-Wiener. Für den Vorarlberger sind Gefühle wie Geld: Sie behalten sie lieber für sich.

Was uns schon zum zweiten Stereotyp über die "Gsiberger" (Liebe Össis: Lassen Sie das, wir finden es nicht lustig.) führt: Sie gelten als sparsam [kluppig] bis geizig [kripfig]. Erfahrungsgemäß kann ich Ihnen das bestätigen. Sparsamkeit ist dem Vorarlberger ebenso wie Fleiß ein ethnisches Bedürfnis. Die Thematik lässt sich am besten mit dem Satz "Mei, scho schö, abr so tür!" ausdrücken, mit dem Vorarlbergerinnen mitunter sogar Schuhe ins Regal zurückgestellt haben sollen. Die Verschwendungssucht ist daher auch etwas, das man Wien gerne vorwirft. Daran sind dann auch nur die Sozialdemokraten schuld. Nimmt man ein Wahlzuckerl von der SPÖ, kann man mitunter den Satz "I han scho gseaha, dass du den Sozibålla gnå heasch." vernehmen. Die Wiener Gemeindebauten waren für die Vorarlberger Presse jahrzehntelang nur "Wohnbaubolschewismus".

Damit haben wir auch schon das nächste Klischee auf dem Tablett. Vorarlberger sind stockkonservativ. Ein Beispiel: In Österreich ist Sittenpolizei Landessache. Da man im katholischen Vorarlberg nichts Unzüchtiges sehen möchte, ist in Vorarlberg Prostitution [Ummahurarei] grundsätzlich verboten, außer in Bordellen. In § 11 Abs. 1 des Vorarlberger Sittenpolizeigesetzes wird - um den öffentlichen Anstand nicht zu gefährden - das Verbot für die Bewerbung von Bordellen verhängt:

Ankündigungen und Werbeanlagen jeder Art, einschließlich Schaukästen, die einen Hinweis auf die Benützung eines Gebäudes zum Zwecke gewerbsmäßiger Unzucht enthalten, sind verboten.

In Österreich darf man mit 16 rauchen, trinken, wählen und mit 18 einen Porno drehen, aber in Vorarlberg darf man erst mit 19 der Prostitution im Puff nachgehen. Gottseidank stellt sich diese Frage ja ohnehin nur theoretisch, denn in Vorarlberg gibt es kein einziges Bordell, womit Prostitution de facto ausnahmslos illegal ist. Das Land verbietet Puffs zwar nicht, aber es bewilligt auch keine. Dafür sorgen schon § 6 Abs. 4 und Abs. 5 Sittenpolizeigesetz:

Das Gebäude darf nicht in einem mit Wohngebäuden dicht bebauten Gebiet oder in der Nähe von Kirchen, Friedhöfen, Krankenanstalten, Schulen, Kindergärten, Kinder- und Jugendspielplätzen, Jugendheimen u.dgl. liegen.
Es muss Gewähr bestehen, dass durch den Betrieb des Bordells die Nachbarschaft nicht unzumutbar belästigt wird oder sonstige öffentliche Interessen, insbesondere solche der Ruhe, Ordnung und Sicherheit, der Gesundheit, des Jugendschutzes und des Fremdenverkehrs, nicht verletzt werden.

Wer einmal in Vorarlberg gewesen ist, wird wissen, dass Sie solch einen Ort dort nicht finden können. Bei über 370.000 Einwohnern, von denen sich allein 2/3 im dicht besiedelten Rheintal drängeln und den zwar weniger dicht bewohnten, aber dafür touristisch genutzten Bergregionen, wird ein Bordell - besonders nach alemannischer Moralauffassung - immer Anstoß erregen.
Aber das scheinheilige Bordellwesen (im Rheintal gibt es genügend Geheimpuffs und Straßenstriche) ist nicht das einzige Beispiel Vorarlbergerischer Prüderie. Um den letzten Funken an Unzüchtigkeit schon im Keim zu ersticken, bestimmt nämlich § 2 Abs. 1 besagten Gesetzes:

Das öffentliche Baden (Wasser-, Luft- und Sonnenbaden) ist, soweit im Folgenden nichts anderes bestimmt ist, nur in üblicher Badekleidung gestattet.

Großzügiger weise gilt dies nicht für Kinder unter 6 Jahren und die Gemeinden dürfen Ausnahmeplätze bestimmen - tun es aber natürlich nicht/kaum. Auch Saunabetreiber haben noch einmal Glück gehabt. Im Dampfbad darf der Vorarlberer nackt sein, wenn auch der Betreiber nach Geschlechtern getrennte Sauniermöglichkeiten anbieten muss.

Mit diesem Ausflug in die Vorarlberger Sittlichkeit würde ich das Vorhandensein katholischer Weltanschauung - in Landesspitälern dürfen Abtreibungen nicht vorgenommen werden - als empirisch bestätigt ansehen. Das hat in der Vergangenheit zu allerlei Seltsamkeiten geführt. So war in Vorarlberg lange Zeit das Swingtanzen verboten, weshalb die Bodenseeschiffahrt Tanzabende in internationalem Gewässer anbot. Der Herr der Ringe Film startete in Vorarlberg - weltweit einzigartig - eine vierten Stunde früher, weil Lichtspiele hierzulande nur bis zu einer bestimmten Uhrzeit vorgeführt werden dürfen, die der Film sonst wegen Überlänge überschritten hätte. Also doch kein Klischee, das mit dem Konservativismus...

Halten Sie nun aber bitte nicht nur Schlechtes von uns. Wir sind gute Leute. Unverständlich sprechende, prüde und emotional eingeschränkte Sozialistenfresser, aber gute Leute. Sie finden bei uns 1a Architektur, tolle Festspiele, super Kräne und Lifte (viva Firma Doppelmayr), super Textilien (Wolff etc.), gute Säfte (Rauch, Pfanner), schmackhaften Käse (Rupp etc.), unkaputtbare Beschläge (Blum) und extrem helle Leuchten (Zumtobel). Wenn Sie den braven und fleißigen (Schaffa, schaffa Hüsle baua.) Vorarlbergern nun also doch zugeneigt sind, tun sie uns und sich zwei Gefallen:

1. Schicken sie den Holstuonarmusigbibbandclub mit "Vo Mello bis ge Schoppernou" nach Düsseldorf zum Songcontest. Seit man nicht mehr in der Landessprache singen muss, dürfte das kein Problem sein.

2. Versuchen Sie Vorarlbergerisch zu verstehen, aber nie es zu sprechen. Es klingt einfach lächerlich. Von allen Nichtalemannen die ich kenne, kann nur die gute Kathi richties Vorarlbergerisch und auch das nur wenn sie betrunken ist. Außerdem schädigt Vorarlbergerisch ihre muttersprachlichen Fähigkeiten. Der arme Mike Galeli etwa musste, als er mit seiner Filmkarriere in der Türkei begann, erst jahrelangen Türkischunterricht nehmen um dort verstanden zu werden.