Freitag, 17. September 2010

Der Ruf des Sarrazin, oder: Die finstere Macht der Gene.

Falls Sie es noch nicht wussten erfahren Sie es jetzt: Türken haben andere Gene als Deutsche! Nein, da ist kein Ü statt einem A zwischen G,T und C in ihrem Genom, sie sind nur... anders. Türken haben meistens dunklere Haut und dunklere Haare und so... Außerdem kriegen sie schon mit zwölf einen Bart - die Mädchen - und haben meist braune Augen. Auf ihrem dritten Chromosomenpaar sitzt die Anlage für renitentes Rumgepöbel und am fünften der penetrante Knoblauchgeruch. Die Kopftuchsucht - eine dominante über die X-Komponente des 23. Chromosomenpaares von der Mutter zur Tochter weitergegebene Erbkrankheit - ist im Türkentum außerdem endemisch.

Nein, das hier ist nicht das Diskussionsforum der Kronenzeitung oder die Zusammenfassung des letzten NPD-Parteitages, es ist schlichter Schwachsinn. Nicht dass erstere nicht auch Schwachsinn wären, aber der hier ist speziell, weil von mehreren für voll genommen.
Die Jahre nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms haben der Welt einen Wahren Rausch der Gengläubigkeit gebracht. Jetzt weiß man, dass nicht nur Sichelzellen und Bluterkrankheit mit der Vererbung zu tun haben, sondern auch Fettleibigkeit, Demenz und Orangenhaut.
Ich bin ein Anhänger der Quantentheorie - ja ich schweife ab - nicht weil ich etwas von Physik verstünde, sondern weil ich den philosophischen Beigeschmack mag den sie hinterlässt. Wenn ein Teilchen gleichzeitig an zwei Orten sein kann, zerfallen und nicht zerfallen sein kann, ist das - Sie haben es erfasst - paradox unbegreiflich und widersinnig. Passt ganz gut zum echten Leben. Vor allem huldigt die Quantentheorie aber einer Naturgewalt: Dem Zufall.
Nur weil jemand mit 60%iger Wahrscheinlichkeit an Demenz erkranken wird, heißt das noch nicht, dass er auch dement wird. Vielleicht wird er vorher von einem betrunkenen BZÖ-Politiker niedergefahren, vielleicht wird er aber auch 100 und stirbt an einem Schwächeanfall nach einem Halbmarathon.
Überhaupt verraten uns die Gene lange nicht alles und sie beeinflussen nicht nur uns, wir beeinflussen auch sie und zwar in einem wesentlich höheren Ausmaß als das bislang angenommen wurde. Die Gene sind das Rüstzeug, das uns das Leben mit auf den Weg gibt. Einiges ist hilfreich, anderes lästig, manches tödlich. Letztendlich kommt es aber darauf an was wir daraus machen.
Zu behaupten dass etwa integrationsresistente Araber oder renitente türkische Jugendliche Opfer ihrer Gene geworden sind, ist genauso plausibel als würde ein Konsument von Kinderpornografie vor Gericht die Schuld auf Microsoft schieben. Wir sind keine Opfer unseres Betriebssystems. Wir sind verantwortlich für unser Handeln, es gibt kein Schicksal, das bis zum Ende des Universums vorgeschrieben wäre, wir können nicht erahnen was wir morgen erleben oder ob ein Elektron nun hier oder dort oder an beiden Orten gleichzeitig ist. Ein Mensch der sich und seine Familie nach außen abschottet und ein internes Terrorregime führt, ist zunächst ein Arschloch und dann ein Ergebnis seiner Anlagen, der Umwelteinflüsse und seiner Entscheidungen. Diese drei Komponenten können wir nicht entkoppeln und fast nie ist nur eine ausschlaggebend für eine bestimmte Entwicklung. Es gibt Männer die zwei Y-Chromosomen haben - ja das gibt es und es führt (Überraschung!) zu angeblich erhöhter Aggressivität -, aus schwierigen Verhältnissen stammen und ihr Leben trotzdem auf die Reihe gebracht haben. Es gibt aber auch die aus wohl behütetem Hause, die zu Massenmördern wurden. Natürlich liegt die Gauß‘sche Glockenkurve der Lebensrealität wohl dazwischen, trotzdem müssen wir mit den Schwerpunktargumentationen vorsichtig sein. Nach einem Schulmassaker kommen die, die von einem Psychopathen sprechen, der aus bloßer Machtgier Menschen getötet hat, andere sehen den gehänselten Außenseiter der von der Gesellschaft ausgeschlossen und dadurch in die Täterschaft getrieben wurde. In Wirklichkeit ist er beides. Das Eine darf aber keine Ausrede oder Entschuldigung für das Andere sein. Wir müssen aufhören in einer bipolaren Welt von gut und böse, Täter und Opfer, Genen und freiem Willen zu leben. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, es gibt aber auch nicht nur das unipolare Weltbild mit nur einem Grauton. Wir müssen die Schattierungen erkennen und benennen ohne in Vorurteilsdenken (Ja, ich schreib sowas) oder Gleichmacherei zu verfallen. Ausländerfeindlichkeit ist keine Entschuldigung für Integrationsverweigerung und Integrationsverweigerung ist kein Grund für Ausländerfeindlichkeit.

Nun behauptet ein ehemaliger deutscher Finanzsenator aus Berlin und mittlerweile zurückgetretenes Bundesbankvorstandsmitglied, dass gewisse gesellschaftliche Probleme auf genetische Faktoren zurückzuführen seien. Das ist unwahr und heikel. Der Herr mit der hängende Gesichtshälfte - keine Erbkrankheit, sondern Folge einer Operation - glaubt nicht nur, dass dumme Menschen genetisch dumme Kinder bekommen, sondern auch dass Juden durch Selektion intelligenter sind. Die Deutschen können auch nichts richtig machen: Sagt mal einer was Positives über die Juden und trotzdem ist es rassistisch. Außerdem führt Sarrazin die hohe Zahl an Erbkrankheiten in türkischstämmigen Familien mehr oder weniger direkt auf ihre ethnische Herkunft zurück. Etwas viel starker Tobak für ein Buch, aber er hat ihn komprimiert und literarisch zu einem orangen Schinken mit dem Titel „Deutschland schafft sich ab“ verarbeitet.

Wie gesagt ist das mit den Genen so eine Sache. Sie verraten uns interessante Dinge, aber eben nicht alles. Wir wissen, dass Türken ein höheres Schmerzempfinden haben, als Durchschnittsmitteleuropäer und dass Hitler sich nach neuesten Erkenntnissen eine Haplogruppe - das sind bestimmte Genanordnungen innerhalb eines Chromosoms - mit Berbern und aschkenasischen Juden teilte. Wir wissen auch, dass Finnen und Basken relativ isolierte genetische Eigenschaften entwickelt haben. Auch gewisse Erbkrankheiten weisen geografische Schwerpunkte auf. Wir dürfen das interessant finden, aber nicht mehr. Zur Entwicklung irgendwelcher perversen Rassentheorien ist die Humangenetik sowieso nicht geeignet. Vielmehr hat sie das Nazikonstrukt vom Herrenvolk endgültig eingerissen. Europa teilt sich in zwei große Gengruppen" auf, in denen so verschiedene Völker wie Schweden und Ukrainer größere Gemeinsamkeiten aufweisen als es der Durchschnittsnazi vermuten würde (Siehe hier).
Wohin ist überhaupt die Hallstadtkultur verschwunden? Wo sind die Kelten geblieben und die Römer? Haben die Hunnen uns still und heimlich verlassen? Ist die K&K-Monarchie spurlos an uns vorübergegangen? Mitnichten. In der Nähe eines kleinen Dorfes im deutschen Harz fand man 3000 Jahre alte bronzezeitliche Knochen. Man wagte einen Versuch und untersuchte die örtliche Bevölkerung. Die Verwandten der Bronzezeitmenschen leben heute noch dort. Keine Völkerwanderung, kein Dreißigjähriger Krieg hat sie von dort vertrieben. Vor 3000 Jahren lebten die Völkerschaften, die man später als Germanen verallgemeinern sollte, vermutlich noch in Zentralasien. Weder hat es die Germanen als einheitliches Volk historisch gegeben - sie sind vielmehr eine römische Konstruktion - noch gibt es sie heute noch als genetische Alleinvorfahren von A wie Angelsachsen bis Z wie Zimbern. Vergleichsstudien (siehe Bild oder auch hier) haben vielmehr die komplex verflochtene Verwandtschaftsstruktur der Europäer verdeutlicht. „Die Österreicher“ liegen dabei nicht nur geografisch dem Erdteil inmitten, wie es die zweite Strophe der Bundeshymne so schön ausdrückt. Das jüngst wieder gepriesene Wiener Blut ist wie ein Restelessen aus der Suppenküche des halben Kontinents. Auch „die Germanen“ haben irgendwann die Integration geschafft, genauso wie die hugenottische Familie Sarrazin, die im 16. Jahrhundert vor der Bartholomäusnacht von Frankreich nach Deutschland floh. Hat man aus ihrer Schichtzugehörigkeit eine krude Erbgutlehre entwickelt? Hat man behauptet, dass sich Bildungsferne im Blut ablagert und nicht im Gehirn? Ich wage es zu bezweifeln.

Heute kann man nicht mehr sagen, dass man Türken einfach nicht mag, dass man sich an Kopftüchern stört und Döner nicht ausstehen kann. Man spricht von Integrationsunwillen, Frauenrechten und Gammelfleisch, oft nur mit stiller Verachtung als Hintergedanken. Andererseits wird man zum xenophoben Goebbels-Erben erklärt, wenn man importierte Sozialstrukturen aus Kleinasien und der Levante hinterfragt. Gibt es vielleicht vermehrt Erbkrankheiten, wenn man seine Kinder zwingt innerhalb der Familie zu heiraten? Sind Kinder vielleicht ungebildet weil ihre Eltern keine positive Einstellung zur Bildung haben? Aber: Gibt es dieses Problem vielleicht nicht nur bei Zuwanderern?

Deutschland schafft sich nicht selbst ab - manche werden erstaunt sein, dass ich jetzt nicht "leider" schreibe -, es ändert sich, so wie sich vieles ändert und manches gleich bleibt. Kinder werden heute nicht mehr verheiratet wie beim Adel im Mittelalter üblich, auch nicht als Erwachsene gegen ihren Willen. Man respektiert Menschen unabhängig von Geschlecht und Herkunft. Man behandelt Frauen nicht wie minderwertige Menschen und Migranten nicht wie wandelnde Erbkrankheiten. Der Staat muss die Augen verschließen vor dem Etikett "Ausländer" und sie öffnen für den sozialen Hintergrund. Herkunft darf nicht länger ein Stigma sein, aber auch keine Ausrede mehr. Kritik darf kein versteckter Nazismus mehr sein und falsche Toleranz kein feiges Wegsehen.

Vor allem aber darf nicht zugelassen werden, dass irgendwelche Demagogen, aus welcher Partei sie auch kommen mögen, sich mit hirngespinstigen Ideen der Integrations-, Bildungs- und Sozialdebatte bemächtigen. Das Leben hat zu viele Facetten, Fragen und Probleme um sie alle auf eine komische Wendeltreppe aus Aminosäuren zu schieben. Die DNA macht uns verschieden, sie darf uns aber nicht trennen. Sie macht uns nicht zu Herren- und Unter-, sondern in erster Linie zu Menschen.

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